Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 10)
- Language
- German
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77 darf, wird ja von den Verfassern zugegeben1. Da nun diese allgemeine Menschenliebe und sogar gegen den Volksfeind auch schon in Israels Bibel gelehrt wird, warum sollte ausgerechnet zu Lebzeiten Jesu anders gelehrt worden sein? Aber selbst, wenn dem so wäre, kann nach dem oben Ausgeführten unmöglich behauptet werden, daß Jesus als e r s t e r allgemeine Menschenliebe gelehrt hat. S. 368: ״Zur klaren positiven Formulierung eines allgemeinen Satzes, wie ,,Liebet eure Feinde“ hat Exod 234 in der alten Synagoge nicht geführt“. Der Grund dafür ist ganz klar. Es lag zu solcher Formulierung kein Grund vor. Als praktische Menschen wußten die Rabbinen, daß sie zu dem, was die heil. Schrift über Feindesliebe sagt, nichts hinzuzufügen haben. Man ,darf auch nicht übersehen, daß im Grunde genommen das Gebot, den persönlichen Feind zu lieben, bereits Lev 191t} ausgesprochen erscheint. Wie lautet denn dieses Gebot in seiner Vollständigkeit? ״Du sollst deinen Bruder nicht im Herzen hassen, zur Rede stellen sollst du deinen Nächsten, daß du nicht seinetwegen Sünde tragest. Du sollst dich nicht rächen und nicht nachtragen den Kindern deines Volkes, sondern deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Es sind somit alle Nächsten, auch jene, gegen die man was hat, d. h. in der Sprache des Alltags der Feind, in das Gebot der Nächstenliebe eingeschlossen. Ja, dieses Gebot wird gerade um dieser Nächsten willen verkündet. Denn;;wenn ihr nämlich liebt, die euch lieben, was habt ihr dann für Lohn, wenn ihr bloß eure Brüder freundlich grüßet, was tut ihr besonderes? (Mt 546 f.)“. Um der Nächstenliebe willen ist es eben dem Israeliten verböten zu hassen, d. h. irgend einen Nächsten als Feind anzusehen. Damit wird hinfällig, was S. 368 weiter gesagt wird: ״Man hielt sich auf der. Linie des Negativen“, abgesehen davon, daß auch die dort (unter a—c) angeführten Stellen die Unrichtigkeit dieses Urteils dartim (s. übrigens auch S. 370 unter g den Ausspruch des R. Alexandrai Gen R 38). S. 459. Mt 712: ״Alles also, was ihr wollt, das die Leute euch tun, tut ihr auch ihnen“. Dazu bemerken die Verfasser: ״In der altjüdisch palästinensischen Literatur findet sich der Ausspruch nur in negativer Fassung. Die positive Fassung in Jesu Mund geht über die negative ebensoweit hinaus, wie etwa ״helfen und fördern“ hinausgeht über ״nicht schaden“. Soll damit etwa gesagt sein, daß Hillel keine positiven Liebeswerke im Verhalten gegen 1 Betreffs R. Akibas Stellung zur allgem. Menschenliebe (s. S- 358) hängt viel davon ab, wie die Stelle Aboth 3חביב אדם שנברא בצלם) 4ב) zu verstehen ist. Wenn sie sich, wie sich aus dem Zusammenhang fast mit Sicherheit ergibt, nicht auf den ersten Menschen, sondern auf den Menschen im allgemeinen bezieht, so wäre zwischen R. Akiba und Ben Azzai gewiß keine sachliche Meinungsverschiedenheit vorhanden. Ben Azzais Worte wären dann nur eine Ergänzung durch Verstärkung der Grundlegung. — Eine freundliche Gesinnung, gegen die nichtjüdische Menschheit, die auf allgemeine Menschenliebe hinweist, zeigt sich auch in den Aussprüchen des R. Joschua (S. 360 ob.) und des R. Meir (362 unt.). Letzterer Ausspruch in iveiterer Ausführung im ׳Namen des R. Jirmejah SLevl85, ed. Weiß 86b, also ״in jenem Midrasch, der am treuesten die Lehranschauungen der Schule Akibas widerspiegelt (s. S. 358)“. Warum werden diese Stellen im Zusammenhang mit den Stellen angeführt, die gegen die allgemeine Menschenliebe der Rabbinen zeugen sollen, und nicht auch dort, wo die günstigen Zeugnisse zusammengestellt sind? Bei der Raumverschwendüng, mit der sonst vorgegangen wird, kann es sich doch nicht hier um Streben nach ־Raumersparnis handeln. Was würde übrigens dabei herauskommen, wenn man Aussprüche bedeutender christlicher Autoren zusammenstellen wollte, in denen Abneigung oder Haß gegen andere Völker zum Ausdrucke kommt. Uebrigens ist zu 366 f., wo Stellen angeführt werden, um zu zeigen, daß man im jüdischen Volke auch haßte, obgleich der Haß im allgemeinen als verwerflich galt (S. 364), zu bemerken, daß; שנא oft ״nicht mögen“ be*■ deutet, was vom Haß noch weit entfernt ist. Wenn z. B. Resch Laqisch (Joma 9b) zu Rabbah bar Chanah sagt פנינא לכו, so ist da gewiß nicht Haß im wahren Sinne des Wortes gemeint. — Zu den Stellen für die allgemeine Menschenliebe der Rabbinen wäre noch folgender Ausspruch (Midrasch Schocher Tob 117) hinzuzufügen: Bedeutsamer als das Verleihen der Thora an Israel ist das Fallen des-Regens, denn die Verleihung der Thora war nur eine Freude für Israel, der Regen aber ist eine Freude für alle Völker und die ganze Welt.