Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 9)
- Language
- German
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76 erklärbar. Auffallender ist, daß auf den Priester und Leviten nicht, wie man erwarten sollte, auch ein Israelit folgt. Hätte die Erzählung den Sinn, den man ihr beilegt, so wäre die Gegenüberstellung Jude—Samariter das Gegebene gewesen. Eine richtige Schlußfolgerung aus den Schlußworten Jesu müßte ferner zu der Annahme führen, daß J. den Umfang des Gebotes der Nächstenliebe einerseits erweitert, andererseits jedoch verengert hat. Denn ״der Nächste‘‘ wäre dann nur der, der Barmherzigkeit übt, und bloß auf einen solchen bezöge sich.das Gebot: ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Diese Schwierigkeiten legen die Vermutung nahe, daß, wenn die Erzählung wirklich von Jesu herrührt, in ihr ursprünglich nicht von einem Samariter, sondern von einem Israeliten die Rede war, daß sie Priester und Leviten dem einfachen Israeliten gegenüberstellen und besagen wollte, daß nicht der Adel der Geburt oder der Stellung für. den Wert eines Menschen maßgebend sei, sondern der Adel des Herzens und der Gesinnung. Ob die Erzählung mit dem Gespräch über das höchste Gebot etwas zu tun hatte, wäre dann sehr fraglieh. Aber selbst, wenn alle Bedenken zurückgestellt werden, so darf doch nicht übersehen werden, daß.der Gesetzeslehrer, der bei Lukas derjenige ist, der Gottesliebe und Nächstenliebe als die höchsten Gebote bezeichnet, der Erklärung Jesu zugestimmt zu haben scheint. Daß ferner Jesus nicht immer in gleichem Maße in jedem Menschen den Nächsten gesehen hat, zeigt die Erzählung vom kanaanäiseben Weihe zur Genüge. Obgleich er um etwas gebeten wurde, durch dessen Gewährung die verlorenen Schafe vom Hause Israel durchaus nicht verkürzt zu werden brauchten, so wollte er dennoch das Brot der Kinder nicht den Hündlein vorwerfen. Doch auch von alledem abgesehen und zugegeben, daß J. wirklich allgemeine Menschenliebe ohne jegliche Beschränkung gelehrt hat, muß man es entschieden verneinen, daß er als ers t e r diese Lehre verkündet hat. Wie man auch über die Bedeutung von דע denken mag, das ist sicher, daß גר im Pentateuch den nichtjüdischen Fremdling bedeutet, wie aus dem Nachsätze zu ersehen ist: ,,denn גדים wäret ihr im Lande Aegypten“. Die spätere Deutung der Rabbinen hat mit der Sache nichts zu tun. Für jeden objektiv Urteilenden ist es nun klar, daß die Liebe zum Fremdling und die besondere Fürsorge, die ihm gegenüber wiederholt eingeschärft wird, nichts anderes ist als allgemeine Menschenliebe. Wenn diese nicht ausdrücklich geboten wird, so liegt es daran, daß die Thora von Fällen redet, wie sie eben Vorkommen (vgl. «דברו חכמים בהוד). Man kam eben in altbiblischer Zeit mit dem Nichtjuden hauptsächlich im eigenen Lande in Berührung. Für den einzelnen Israeliten zerfielen daher die Menschen in ישראלים und גרים. Was nicht zu den ersteren gehörte, zählte eben zu den letzteren. Im Auslande war man ja überdies selbst ein גר, ein Geduldeter, und kam gar nicht in die Lage, gegen den Einheimischen Liebe zu betätigen (Moses in Midian!). Freilich änderte sich das, als die Diaspora immer mehr zunalim. Da war es selbstverständlich, daß man dem nichtjüdischen Nachbar nicht die Liebe entzog, zu der man in der Heimat dem Fremdling gegenüber verpflichtet war. So ist es auch heutzutage. Ein Vergleich zwischen dem Verhalten der Juden unserer Zeit gegen ihre nichtjüdischen Mitmenschen in Bezug auf Werke der Nächstenliebe und dem Verhalten der letzteren gegen die ersteren, dürfte sicherlich nicht zu Ungunsten der Juden ausfallen. Wenn die Rabbinen später גר auf den Proselyten bezogen, so lag das in den Zeit- Verhältnissen. Seit Pompejus drang das von ihm, Herodes und den Landpflegern begünstigte -griechische Element immer mehr vor und jeder Fremdling, der sich nicht dem Judentum anschloß, mußte als Gefahr für den Bestand der Nation empfunden werden. Es ist ein Wunder, daß in jener Zeit schweren Ringens um die Selbsterhaltung die allgemeine Menschenliebe nicht völlig erloschen ist, sondern in den Besten der Nation weiter lebendig blieb. Die Aussprüche Hillels beziehen sich zweifellos auf alle Menschen: ״Liebe die Geschöpfe und bringe sie der Thora nahe“, d. h. aus Liebe zu ihnen soll man sie der Thora nahe bringen. Die. Liebe geht also ihrer Verbindung mit der Thora voran (vgl. Aboth RN 12). Bekanntlich hat Hillel in .der Praxis nach diesem Grundsatz gehandelt. Es ist nicht zu verstehen, warum sich die Verfasser gegen die allgemeine Menschenliebe Hillels sträuben. Etwa weil er ein älterer und ,prominenter Zeitgenosse Jesu war? Daß es im zweiten nachchristlichen Jahrhundert ״hie u n d d a “ Stellen Vorkommen (wie viele sind esjm N. T.?), die man als Predigt allgemeiner Menschenliebe deuten