Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 8)
- Language
- German
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75 siegreiche Feldherr in gleicher Lage auch gewesen wäre, über Davids Yerhalten empört und sprach, wie es die Situation erheischte. In pMeg wird nun die Frage erörtert, wieviele Bibelworte man unliniiert schreiben dürfe, und es wird an Beispielen gezeigt, daß die Gelehrten darüber verschiedener Meinung waren. Unter anderem wird berichtet, daß R. Jirmeja (um 320!) in einem Schreiben an den Patriarchen R. Judan die Worte gebraucht hat: לשנוא את אהביך ולאדזבה את שנאיך. Er hat die Worte umgestellt, damit sie aufhören, ein wörtliches Zitat zu sein. Was sonst in dem Briefe stand, wird nicht gesagt. Wahrscheinlich hat sich R. Jirmeja durch den Patriarchen zurückgesetzt gefühlt zugunsten eines Gelehrten, von dem er wußte, daß er ein Gegner des Patriarchen war, und diesem in einem Briefe Vorwürfe gemacht, sich dabei, wie es noch heute im hebräischen Stil üblich ist, einer in der Bibel Vorkommenden Redewendung bedienend. Es ist klar, daß der Brief R. Jirmejas ebensowenig etwas beweist, wie die Worte Joabs. Die Verfasser sind anderer Meinung.׳ Die Stelle wird in einem besonderen Absatz besprochen, in großem Druck dargeboten und die Besprechung schließt mit folgenden Worten: ״Inhaltlich ist aber auch hier das Zitat als eine Rüge gemeint: nicht den Freund soll man hassen und den Feind lieben; das umgekehrte Verhalten, weil allein der allgemeinen Anschauung entsprechend, sei das richtige: liebe deine Freunde und hasse deine Feinde! Das ist dieselbe Maxime, die wir Mt P43 lesen“. Das nennt man objektiv! In Wirklichkeit liegt die Sache so, daß auch bei den Durchschnittsjuden zur Zeit Jesu eine solche Maxime völlig unmöglich war. Als Maxime würde das Wort ״hasse deinen Feind“ besagen: erweise und wünsche deinem Feind Böses, füge ihm Schaden zu, freue dich seines Schadens. All dieses wird Hiob 3129 f. als schwere Sünde bezeichnet u. z. in einer Weise, die zeigt, daß der Verfasser damit nichts Neues sagen will. Man begnügte sich aber nicht mit dem Negativen, sondern praktische Feindesliebe wird Exod 234f. ausdrücklich gefordert und in noch weitgehenderem Maße Spr 2521f. empfohlen. Ja, noch mehr. Während Jesus nur von dem persönlichen Feinde redet, ist bereits ein besonderes Büchlein der jüdischen Bibel der Liebe zum Volksfeind gewidmet.!Das Buch Jona ist doch nichts, anderes als eine Aufforderung zu solcher Liebe im praktischen Sinne1. Und jene, welche dieses Büchlein in den Kanon aufgenommen haben, stimmten zweifellos seinen. Anschauungen bei. Daß dieses Büchlein viel gelesen wurde, kann bei seinem anziehenden Inhalt als sicher angenommen werden. R. Joscliija (um 140) verstand sogar unter שונא Exod 234 die Heiden (s. S. 359). Diese Deutung dürfte bei ihm nicht ganz neu gewesen sein. Wie hätte bei solchem Sachverhalt eine Maxime aufkommen können: Hasse deinen Feind? Das über die Stellungnahme zum Volksfeind Angeführte überleitet zu einer weiteren Bemerkung der Verfasser (S. 354): ,,Es wird also wohl dabei bleiben, daß der erste, der die Menschheit gelehrt hat, in jedem Menschen den Nächsten zu sehen und deshalb jedem Menschen in Liebe zu begegnen — Jesus gewesen ist“. Zunächst sei erwähnt, daß für die allgemeine Menschenliebe Jesu bloß die Erzählung vom barmherzigen Samariter in der uns vorliegenden Fassung Zeugnis ablegt. Ganz einwandfrei ist auch dieses Zeugnis nicht. Die Erzählung findet sich bloß bei Lukas, obgleich das Gespräch über das höchste Gebot, das zu ihr Anlaß gegeben haben soll, auch von Mk und Mt gebracht wird. Daß der Weg von Jerusalem nach Jericho, wo Samaritaner kaum anzutreffen waren, gewählt wird, ist bei einer Beispielserzählung noch נ Strack, Einleit, in das AT: Das Buch . . . predigt den Universalismus der auch die Heiden umfassenden barmherzigen Fürsorge Gottes. Auch nach CornilL und Kautzsch (Einleitungen) will das Buch Jona darauf hinweisen, daß Gott von Liebe zu allen seinen Geschöpfen beseelt ist und daß eine lieblose und selbstsüchtige Gesinnung gegen die Heidenwelt, wie sie Jona bekundet, den schärfsten Tadel Gottes verdient. Dazu ist noch zu sagen, daß der Verfasser gewiß nicht ohne Absicht für seine Erzählung Niniveh gewählt hat, die Hauptstadt jenes Reiches, durch das das israelitische Nordreich zerstört worden ist und das auch Juda mehrere Jahrzehnte hindurch bedrängt und bedroht hat. Diese Stadt zu retten, widerstrebt Jona. Er möchte lieber ihren Untergang sehen (Jona 4! ff.). Er wird jedoch gezwungen, der feindlichen Stadt Rettung zu bringen. Das Buch Jona hat übrigens in seiner Predigt allgemeiner Menschenliebe einen wirkungsvollen Genossen im Buche Ruth.