Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 7)
- Language
- German
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74 S. 341 f. werden im Anschluß an Mt 539 (,,Ich aber sage euch, dem Bösen nicht . zu widerstehen; wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, so wende ihm auch die andere zu“) rabbinische Aussprüche über.Nachgiebig־ keit und demütiges Verhalten gegen Schmähungen und Verfolgungen zitiert, zuletzt das Gebet von Mar bar Rabina: אלהיס כצור (Berach. 17a). Es wäre ־von Wichtigkeit gewesen, zu erwähnen, daß dieses Gebet den Abschluß der Tefilah bildet und somit täglich dreimal von den Juden gebetet wird. Anstatt dessen werden, wohl um den Eindruck des Vorhergehenden abzusehwächen, zwei Stellen zitiert dahingehend, daß man sich nicht ruhig dahinmorden lasse, sondern dem Mörder zuvorkomme. Nun, das Judentum fühlt sich nicht getroffen. Es verbietet die Rachsucht (Lev 19laa und Sifra z. St.), betrachtet aber mit Rudolf von Jhering (Der Kampf ums Recht I, 19) ״den Widerstand gegen ein schnödes, die Person selber in die Schranken forderndes Unrecht als Pflicht. Er ist Pflicht . . . gegen das' Gemeinwesen, damit das Recht sich verwirkliche“. Hier eröffnet sich freilich der Ausblick auf den tatsächlichen Unterschied zwischen der jüdischen, auf den Fortbestand der Welt eingestellten und demgemäß nach ihrer sittlichen Ordnung strebenden Ethik und der tirchristlichen, die an das unmittelbare Bevorstehen des Weltuntergangs glaubt und demgemäß an der Ordnung dieser Welt und der Einteilung ihrer Güter nicht religiös interessiert ist. Der Versuch, die hochstehende, aber durchaus eschatologisch begründete Ethik des Urchristentums trotz des Wegfalls ihrer Voraussetzung festzuhalten, hat dazu geführt, daß Lehre und Leben in der Christenheit nicht übereinstimmen und nicht übereinstimmen können, ohne aus dem ganzen Leben ein Chaos zu machen. In den einzelnen Beispielen, durch die Jesus seine Lehre* erläutert,, geht er über die bloße Passivität gegen das Böse sogar noch hinaus: man soll dem böswillig Schlagenden noch die zweite Backe hinhalten (vgl. Klagelieder 3S0), dem, der den Rock wegnehmen will, auch den Mantel geben. Man soll also, um die eigene Demut zu bekunden, anderen zu weiterer Sünde Gelegenheit bieten. Wieviel schöner, konsequenter und richtiger ist das Verhalten, das die Rabbinen Tosefta BQ 929 f. empfehlen: ,,Wenn jemand 'einen andern verletzt, so ist der .Verletzte* auch wenn ihm nicht abgebeten worden ist, verpflichtet, für den, der ihn verletzt hat, zu Gott um Erbarhaen zu beten“. Was hier gefordert wird, ist Demut und wahre Liebe, jedoch ohne Konzessionen an. das Böse. Diese Toseftastelle wird S. 342 gebracht, aber versteckt zwischen Strafbestimmungen für tätliche Beleidigung. Sie hätte es verdient, an prominenter Stelle -in prominenter Weise zitiert zu werden. Wieviel Aufhebens wäre von ihr gemacht worden, stände sie im N. T.T S. 353. Zu der bekannten Stelle: ״Ihr habt gehört, daß gesagt wurde, du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen (Mt 5«)“ wird bemerkt: ״Der zweite Teil läßt sich quellenmäßig nicht belegen. Das Ganze wird eine populäre Maxime sein, nach der der Durchschnittsisraelit in Jesu 'Tagen sein Verhalten gegen Freund und Feind eingerichtet hat“. Nun, gar so leicht darf man sich die Sache nicht machen. Das heißt, anstatt die eine Seite zu entschuldigen, die andere anklagen. Es kann sich nur um eine spätere Hinzufügung handeln, um entsprechend der vorhergehenden Antithese auch hier eine recht markante herzustellen. Schon die Tatsache, daß alle vorher-׳ gehenden Antithesen von Schriftstellen ausgehen, zeigt klar, daß es auch hier der Fall ist. Das Vorhandensein einer solchen Maxime müßte überdies erst bewiesen werden. Es wird wohl sein* daß der Durchschnittsjude seinen Feind haßte, wie es ja bei jenen, die sich zu Jesu bekennen, jetzt nicht anders ist, aber von einer Maxime kann keine Rede sein. Die Verfasser wollen (S. 368) eine solche in II Sam 197 und pMeg 3, 74a entdeckt haben. Zu David, der, anstatt sich über den ihm Rettung bringenden Sieg seiner treuen Freunde zu freuen, über den Tod Absaloms, der als schlimmster Feind gegen seinen Vater aufgetreten war, laute Klage erhob und bittere Tränen vergoß, sprach näinlieh Joab: ״Heute hast du alle deine Diener offen beschimpft, die dir, deinen Söhnen und Töchtern, deinen Gattinnen und Kebsweibern das Leben gerettet haben, indem du denen, die dich haßten, Liebe, und denen, die dich lieben, iHaß gezeigt hast (לאד,בה את שנאיך ולשנא 1 את אהבץ־י) .... — ja heute weiß ich, daß, wäre Absalom am Leben und wir alle jetzt tot, du damit ganz zufrieden wärest“. Daß hier keine Maxime vorliegt, braucht wohl nicht ge- -sagt zu werden. Joab war kein Maximenmensch. Er war, wie es jeder andere