Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 6)
- Language
- German
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73 David (Ps 24 und auch sonst) gesagt, jedem Juden geläufig war und als selbstverständlich galt? Im Grunde genommen sind doch alle Seligpreisungen bei Mt nur die Wiedergabe von Bibelstellen. In einer Propagandasehrift, die auch für Nichtjuden bestimmt war, ist ihre Hervorhebung und Aneinanderreihung verständlich. Für den mit der Schrift vertrauten Juden, der überdies die Psalmen täglich las, ist das überflüssig. Daß aber die Rabbinen auf das reine und gute Herz das Hauptgewicht legten und es als Vorbedingung für alles andere ansahen, ist in der rabbinischen Literatur oft ausgesprochen : רחמנא לבא כעי (Snh. 106b), rrn ודת שאץ תוכו כברו אינו (Joma 72b), אמר הקבית אם יהבת לי לבך ועינך אנא ידע דאת לי (S. jBez I, 3c oben). Zu Psalm 244 bemerkt Ibn Ezra: ובר לבב שהוא העקר. Das Gleiche gilt von der Bemerkung S. 220: ״Eine Stelle, in der die Friedfertigen oder die Friedensstifter durch die Bezeichnung ,,Gottes Kinder‘‘ belohnt würden, ist uns in der rabbinischen Literatur nicht bekannt geworden“. Wie kleinlich! Nach all den verherrlichenden rabbinischen Aussprüchen über den Frieden, die S. 215 ff. gebracht werden, wäre wohl ein solcher Ausspruch belanglos. Siehe übrigens, was Lev R 9 zu ויחן שם ישראל bemerkt wird. S. 250 ff.: ״Wenn eure Gerechtigkeit nicht erheblich mehr wird als die der Schriftgelehrten und Pharisäer (Mt 520)6V 'Im Anschluß an dieses Wort wird die jüdische Gerechtigkeit aus dem Gesetz so dargestellt, als ob es bloß von der Ueberzahl der buchstäblich ohne jede Innerlichkeit erfüllten Gebote oder der Ueberzahl der Gebotstibertretungen abhänge, ob jemand nach rabbinischer Anschauung in den Augen ״Gottes ein צדיק bezw. ein רשע ist. Das einfachste Rechenexempel. Die Folge wäre also, daß wer promiscue Gebote erfüllt und Übertritt, ganz unabhängig von der Qualität dieser Gebote ein צדיק wäre, wenn die Gebotserfüllungen über wiegen, und ein רשע, wenn die Uebertretungen überwiegen. Wer etwa jede Woche einmal einen Einbruchsdiebstahl begeht, die ganze Woche hindurch jedoch die zeremoniellen Gebote pünktlich befolgt, wäre ein צדיק. Nun, diesen Eindruck bekommt man beim Lesen der rabbinischen Literatur durchaus nicht. צדיק wird nur der genannt, dessen sittlicher Charakter im allgemeinen gut ist, und ebenso רשע nur der, der im allgemeinen zum Bösen hinneigt (Ex R 30: אדם שונה מדרש הלכות ואגדות ואם אין בו יראת חטא אין בידו כלום). Daß ferner mit ־ der buchstäbliehen d. h. mechanischen Erfüllung der Gebote nicht Genüge getan ist, ergibt sich aus dem bereits zitierten Worte: רחמנא לבא בעי״, der Erbarmungsvolle verlangt das Herz“, woraus auch zu ersehen ist, daß es vor allem auf die Gesinnung ankommt. Wohl sind manche Rabbinen der Meinung, daß מצוות אינן צריכות כוונה. Das ist aber nur so gemeint, daß der Mensch im Augenbück der Gebotserfüllung sich nicht zu sagen braucht: ,,Ich gehe jetzt daran, dieses oder dieses Gebot zu erfüllen“. Ebenso wie der Mensch nicht bei jedem Wohltun den Gedanken zu haben braucht: ״Ich gehe jetzt daran, im Namen Gottes das Gebot der Nächstenliebe zu erfüllen“. Aber nichtsdestoweniger gilt gerade vom Wohltun das Wort: אין הצדקה משתלמת אלא לפי חסדשבה״ Die Wohltat wird nur bewertet nach dem Maß der Liebe, mit der sie vollbracht wird (Sukkah 49b)“. Was mit כונה gemeint ist, sieht man am besten beim Gebet An zahllosen Stellen wird eingeschärft, mit Vertiefung zu beten (עיון תפלה) und darauf hingewiesen, daß bloßes Lippenwerk, bei'dem man an nichts denkt, wertlos sei. Trotzdem wird bezüglich des שמע die Frage gestellt, bis zu welcher Stelle man כונה haben muß, in dem Sinne, daß andernfalls eine Wiederholung des Gebetes erforderlich wäre. — Während übrigens sonst für jede Kleinigkeit Steilen zitiert werden, * geschieht es bei dieser Ausführung nicht. Auch daß Jesus an dieser Stelle mehr verlangt als buchstäbliche Erfüllung, nämlich eine Erfüllung im Geist und in der Wahrheit, wird^ nur behaüptet, aber durch nichts bewiesen. Es wird bloß gesagt, daß die ganze Bergpredigt Jesu Protest gegen den Gedanken einer buchstäblichen Erfüllung erhebe. Nun, dasselbe läßt sich auch vom Geist der Rabbinen sagen. Es zeigt , sich übrigens bei diesen Ausführungen, wie so oft, daß es nicht angeht, Rabbinismus und heil. Schrift bei der Betrachtung von einander zu trennen. Was unter צדיק und רשע zu verstehen ist, war jedem. Juden von der heil. Schrift her klar; die Rabbinen brauchten es ihm nicht zu sagen. Uebrigens wußte man es auch durch den täglichen Sprachgebrauch, wie es einem Deutschsprechenden klar ist, was man unter einem guten und was man unter einem schlechten Menschen zu .verstehen hat.