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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 1 · p. Seite 71

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 1
Article
[Rezension]
Date
1924-01-01
Page
Seite 71 (sequence 4)
Language
German
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71 :schaft. An die innere Freiheit, die die Gottesherrschaft bringt, reicht keine äußere Tyrannei heran“. Was hier über die Anschauungen der Rabbiner! -ausgesagt wird, kann nicht als richtig anerkannt werden. Daß an die innere Freiheit, welche die nach innen gerichtete Gottesherrschaft bringt, keine äußere Tyrannei heranreicht, dessen war man sich im nachexiliseben Juden» tum <vgl. auch Jerem 297) wohl bewußt. Man lebte Jahrhunderte hindurch ruhig unter fremder Oberhoheit und widmete sich der Stärkung und Be- Festigung der nach innen gerichteten Gottesherrschaft. Gerade den PhariiSäera und Schriftgelehrten war die Politik an sich relativ gleichgültig. ״Ihre .Ziele sind keine politischen, sondern religiöse: die strenge Durchführung des Gesetzes. Insofern diese nicht gehindert wurde, konnten sie sich jedes Regir ment gefallen lassen“ (Schürer, Gesch. des jüd. Volkes, 4. Aufl. II, 463 f.). Auch zu jener Zeit, in der die Spannung zwischen Juden und Römern bedrohlich zu werden begann, standen die vornehmsten Pharisäer wie R. Simon b. Gamliel an der Spitze der vermittelnden Partei. Man denke auch an R.' ■Jochanan b. Sakkai, dem Lehrhaus und Liebeswerke wichtiger erschienen, als Staat und Tempel. Das Bewußtsein der Unzerstörbarkeit der inneren Freiheit und Würde des sich der Gottesherrschaft in Demut unterordnenden Menschen durch äußere Tyrannei hat auch nach der Zerstörung seiner politischen Selbständigkeit Israel die Kraft verliehen, viele Jahrhunderte hindurch die schlimmsten Bedrückungen über sich ergehen zu lassen, ohne seelisch zugrunde zu gehen, ohne den Lebensmut, die Hoffnungsfreudigkeit und. den Willen zum Schaffen des Guten einzubüßen. Es hat aber mit der inneren Freiheit gar nichts zu tun und steht zu ihr in keinem Widerspruche, wenn man die Gottesherrschaft im äußeren Sinne als unvollkommen ansah, so lange es auf Erden Völker und Menschen gebe, welche diese Herrschaft nicht anerkennen und im Gegensatz zur Forderung der Gerechtigkeit die Macht und die Freiheit besitzen, jene zu unterdrücken, welche diese Herrschaft anerkennen. Und daß Juden im Schicksal des jüdischen Volkes die göttliche Gerechtigkeit nicht gerade verwirklicht sahen und auf einen Ausgleich in der Zukunft hofften, wird man begreiflich finden. Wer sich da ganz rein fühlt, werfe auf sie den *ersten Stein! Es sprach dabei die Notwendigkeit, sich von inneren Zweifeln zu befreien, nicht weniger mit als die Notwendigkeit, sich über die traurige Gegenwart hinwegzuhelfen und hinauszuheben. Es ist anzunehmen, daß Jesus nicht anders gedacht hat (Siehe Joh. Weiß a. a. O. 184 f. u. 253). Hätte er anders gedacht, so würde das durchaus keinen Vorzug bedeuten. Seine scheinbare Gleichgültigkeit in Bezug auf die Römerherrschaft hat ihren Grund in der Botschaft vom nahen Reiche Gottes. Wer das Kommen dieses Reiches für so nahe bevorstehend hielt wie Jesus, der konnte der römischen Tyrannei ruhig Konzessionen machen. Wozu sich aufregen'? Hat doch diese Tyrannei :nur noch sehr kurze Lebensdauer. Wenn das Wort: ״Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ wirklich vor Pilatus gesprochen worden ist, so hatte es sicherlieh nicht den Sinn, den ihm das Johannes-Evangelium beilegen zu wollen scheint. Jesus sagte bloß, für Pilatus freilich unverständlich,• daß das Reich, in welchem er König sein werde, nicht durch irdische Machtmittel entstehen werde, sondern durch wunderbares Eingreifen Gottes. In seinem Innern; hat er wohl triumphierend binzugefügt: ״Und das wird sehr bald geschehen, bald wird eure Gewaltherrschaft ein Ende haben“. Ebensowenig bedeutet das andere Wort: ״Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist“ ein Einverstandensein mit der Fremdherrschaft. Der wahre Sinn dieser Antwort ergibt sich aus der Frage. Diese war, wenn man von ihrem Endzweck absieht, als reinreligiöse Frage an Jesüm gerichtet. Es handelte sich um die Kopfsteuer. Eine solche wurde von dem Israeliten ans Heiligtum gezahlt als ein Lösegeld, das man Gott für das Leben zu entrichten habe (לפר נפש). Sie galt als ein Zeichen der Anerkennung Gottes als Herrn des Lebens und es wurde ihr große religiöse Bedeutung beigemessen. Sie hat sich deshalb bis auf den heutigen Tag erhalten. Man trug daher Bedenken, eine gleiche Steuer dem Kaiser zu zahlen; es hätte als Kaiserverehrung aufgefaßt werden können. Jesus aber meinte: Was ihr dem Kaiser gebt, ist durch sein Bild als sein Eigentum gekennzeichnet, ihr gebt ihm also überhaupt nichts von dem Eurigen. Ihr könnt es daher ruhig tun. Gott aber gebet, was ihr ihm zu geben schuldig;seid, die übliche Kopfsteuer. ,,Gott“ wird hier gebraucht für ,,Heiligtum“, wie es ja auch sonst vorkommt, u. z. weil eben die Kopfsteuer als 'כפד<נפש לדי bezeichnet wird. Es handelt sich also gar nicht um eine Stellungnahme zur

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