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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 1 · p. Seite 70

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 1
Article
[Rezension]
Date
1924-01-01
Page
Seite 70 (sequence 3)
Language
German
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70 füllen hat, sind sie nicht Gaben Gottes zur Beseligung des Menschen? Es scheint, daß die Rabbinen eigens zwischen den Begriffen ימרת המשיח und העהיב einerseits und מ״ש andrerseits unterschieden haben, um darauf hinzuweisen, daß es ein Reich Gottes gibt, ein Reich der Seligkeit, das nur Gott herbeizuführen vermag und das er in seiner Güte und Gnade dereinst unter allen Umständen herbeiführen wird, und ein anderes, das der Mensch in sich und . aus sich heraus schaffen kann. Die Gegenüberstellung Jesu und der Rabbinen hätte nur dann einen Sinn, wenn sie sich auf jene Worte Jesu be-.. züglich des Himmelreiches bezöge, die nicht eschatologisch zu deuten sind, sondern auf jene Gottesherrschaft, die im Innern des menschlichen Herzens wirksam ist. Welche Worte Jesu sind völlig sicher in diesem Sinne zu nehmen? Lk 1721, was gewöhnlich und auch im vorliegenden Werke dafür angeführt wird, ist mehr als zweifelhaft (Siehe Johannes Weiß, Die Schriften des N. T. neu übersetzt und für die Gegenwart erklärt, S. 493 f.). In Betracht kommen vielleicht eher Mt 633 und Mk 1015b. An beiden Stellen handelt es sich um eine Forderung, von deren Erfüllung eine Gabe abhängt. Es ist übrigens nicht richtig, daß die Gottesherrschaft im Innern des Menschen von den Rabbinen bloß als eine Forderung der Anerkennung, Unterwerfung und des Gehorsams, nicht aber als ein beseligendes Moment angesehen wird. Der Israelit nimmt die Gottesherrschaft auf sich nicht bloß aus Gehorsam, sondern auch weil er in dieser Herrschaft Gottes über sein Inneres, weil er in der Vereinigung mit Gott und in seinem Dienste etwas im höchsten Grade Beseligendes sieht. Wie oft ist schon bei den Propheten und insbesondere in den Psalmen, von denen gerade die hier in Betracht kommenden den Rabbinen zeitlich und geistig nahesteheu und täglich im Kreise der Frommen gelesen wurden, von der Freude an Gott, an seiner Lehre, an seinem Dienste, an dem Weilen in seinem Hause die Rede! Man denke auch an den rabbinischen Ausdruck ־ ♦שמחה של מצרה Ergebnis: Abgesehen davon, daß Jesus für die eschatologischen Heilszustände, wohl von der heiligen Schrift ausgehend, stets sich des Ausdruckes bedient ״Reich Gottes“ oder ״Reich des Himmels“, während die Rabbinen dafür gewöhnlich andere Bezeichnungen gebrauchen, hat Jesus sachlich durch seine Botschaft vom Reiche Gottes weder Neues gekündet, noch Altes erweitert oder vertieft. Das einzig Neue war, daß er mit einem Selbstbewußtsein und einer Sicherheit, die jeden Zweifel ausschlossen und nicht ohne Wirkung bleiben konnten, etwas als unmittelbar bevorstehend kündete, das noch nach fast zwei Jahrtausenden auf sich warten läßt. Allerdings hat er mit dieser Botschaft einen religiösen Ernst und sittliche Forderungen verbunden, die ihn zu einem Großen in Israel stempeln. Auch die Rabbinen sahen täglich dem Eintreffen des göttlichen Wunders gläubig entgegen. Sie taten es jedoch mit klarem Blick für die Realitäten des Lebens, ohne eine dieses Leben übersehende Schwärmerei. Unbeschadet ihres Glaubens und Höffens suchten sie wie ein kluger, vorsichtiger Sachwalter systematisch jene Gottesherrschaft und jenes Gottesreich aufzubauen, die die Menschen nach jüdischer Anschauuiig aus sich heraus, durch eigenes Zutun zu schaffen vermögen. Wie recht sie hatten, dafür als Zeugnis folgende A'eußerung eines protestantischen Theologen (Johannes Weiß a. a. 0. 254): ,,Wir Protestanten sind bescheidener geworden .... Wohl aber haben auch wir die Ueberzeugung, daß durch Jesus der Grund gelegt ist zu einer Herrschaft des W illens Gottes in der Welt, die bestimmt ist, eine vollkommene zu werden. Freilich erwarten wir keine plötzliche Verwandlung der Welt durch ein wunderbares Eingreifen Gottes, sondern ein allmähliches Fortschreiten der Gottesherrschaft durch Stärkung des Guten in der Welt, Vertiefung und Reinigung der Seelen, vor allem durch Verinnerlichung und Belebung der Gottesgemeinschaft. Wir beten um das Kommen des Reiches, indem wir vor allem uns selbst der G'ottesherrschaf-t unterwerfen und uns für ihren Dienst zur Verfügung stellen“. Inwieweit sich diese Worte mit den christlichen Anschauungen über die irdische Welt im Einklang befinden, wollen wir hier nicht erörtern. Nun schreiben Strack-Billerbecknoch S. 182, Abs: 3: ,,Weit aber auseinandergehen die beiderseitigen Meinungen, ob mit dieser nach innen gerichteten Gottesherrschaft sich die römische Fremdherrschaft vereinbaren lasse: Jesus sieht in der politischen Fremdherrschäft kein Hindernis für die Gottesherr-

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