Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 2)
- Language
- German
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69 objektiv darlegen“. Es soll anerkannt werden, daß ein Bemühen, objektiv zu sein, hie und da hervortritt; Allein, das bei den protestantischen Gelehrten sich häufig zeigende Bestreben* die eine Seite schwärzer zu malen, um die andere umso glänzender erscheinen zu lassen, tritt auch in dem Werke von Strack und Billerbeck nicht selten in die Erscheinung. Hätten diese die Anschauungen und das Leben der Juden im neutestamentlichen Zeitalter mit wirklicher Objektivität, mit völliger Unparteilichkeit und wohlwollendem Verständnis für Zeit und Umstände betrachtet und dargelegt, so wäre es durchaus nicht nötig gewesen, sich nachdrücklich dagegen zu verwahren, ״daß aus dem hier (z. B. zur Bergpredigt) Gesammelten auf die gegenwärtig wirklich oder angeblich innerhalb des Judentums geltenden Anschauungen ein Schluß gezogen werde“. Gewiß ist diese Verwahrung wissenschaftlich berechtigt, da die nachtalmudische Zeit, insbesondere die so hoch stehende ethische Literatur des Mittelalters, dem Plane des Werkes gemäß nicht berücksichtigt ist und daher ein einigermaßen vollständiges Bild von dem Reichtum der jüdischen - Ethik nicht gegeben werden konnte; daß der Vorbehalt nicht nur aus Wissenschaftliehen Gründen notwendig war, bedarf leider nicht des Beweises. Wir sind jedoch der Meinung, daß Glauben, Anschauungen und Leben der Juden auch in talmudischer Zeit einen Vergleich mit Glauben, Anschauungen und Leben der Christenheit im 20. Jahrhundert nicht zu scheuen brauchen. Im folgenden seien zunächst jene Stellen besprochen, an denen etwas mehr Objektivität gegenüber dem jüdischen Standpunkt wünschenswert gewesen wäre. S. 180 unter G. 2 wird gesagt, daß Jesus den Ausdruck ,,Gottesherrschaft“ wohl nicht selbst gebildet, aber vertieft, erweitert und mit neuem Inhalt erfüllt habe. Was auf den folgenden Seiten zum Beweis für diese Behauptung angeführt wird, erweist sich bei näherer Prüfung als nicht zutreffend. Der Kürze wegen sei bloß folgendes dargetan. S. 181 unter b wird ausgeführt, die ,,Gottesherrschaft“ als die Summe aller messianischen Heilsgüter sei in Jesu Reden ausschließlich ein eschatologischer Begriff. Der rabbinische Begriff מ^כוח שמים Wird S. 172 f. definiert als ״die Herrschergewalt, die Gott durch die Offenbarung seines Namens und seines Willens über seine Bekenner ausübt“. ,,Bei der מ״ש handelt es sich in der Tat um Bindung der Gewissen im Gehorsam gegen Gott, mit anderen Worten, die מ״ש hat zu allererst ihre Stätte in den Herzen der Menschen.“ ״Die Gottesherrschaft realisiert sich eben überall da, wo sich ein Mensch bewußterweise dem Willen Gottes in Gehorsam unterstellt.“ Ganz richtig. Der Ausdruck מ״ש wird in der Tat nur dort gebraucht, wo es sich um diesen nicht eschatologischen Begriff handelt. Wohl wird auch von der ,,Gottesherrschaft“ gesprochen, wo es sich nicht auf Gegenwärtiges, sondern auf Zukünftiges, Eschatologisches bezieht. Es ist das gewöhnlich der Fall bei der Deutung jener Bibelstellen, die von der Zeit sprechen, in der Gott infolge der Anerkennung seitens aller Menschen und Völker König sein wird über die ganze Erde, und in einigen Gebetstückeri, in denen um• das Kommen jener Zeit gebetet wird (s. S. 178 f.). Der Ausdruck מ״ש kommt jedoch an diesen Stellen nicht zur Anwendung- Wo ferner in der rabbinisehen Literatur von den Heilsgütern und Heilszuständen die Rede ist, die mit der Gottesherrschaft im eschatologischen Sinne verbunden gedacht werden, finden sich nur die Ausdrücke ימות •המשיח und העולם הבא (letzterer auch für das Himmelreich der Seelen). Mit diesen Begriffen decken sich inhaltlich fast alle Stellen über das Reich Gottes oder des Himmels in den Reden Jesu. Wie kann also bei diesem Sachverhalte ein Gegensatz zwischen J. und den Rabbinen konstruiert werden, indem gesagt wird: ״In den Worten J. tritt die Gottesherrschaft in erster Linie gebend, nicht fordernd an den Menschen heran. Nicht darauf liegt der Nachdruck, daß die Gottesherrschaft für Gott etwas suche, sondern daß sie die Beseligung des Menschen bez1wecke. .... . . . Im Vordergründe des rabbinisehen Begriffes מ״ש steht der Gedanke an das, was der Mensch der Gottheit schuldig ist, nämlich Anerkennung, Unterwerfung, Gehorsam. Und wenn mit der vollen Entfaltung der Gottesherrschaft auch die Heilszeit mit allen ihren Gütern und Segnungen änhebt, so liegt doch dies beseligende Moment nicht in dem Begriffe der מ8ש selbst. Das Heil ist die Folge der Gottesherrschaft, aber nicht die Gottesherrschaft selbst.“ Sind ׳ ימות המשיח und העה״ב eine Forderung, die der Mensch zu er-