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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 1 · p. Seite 65

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Probleme der talmudischen Dialektik
Date
1924-01-01
Page
Seite 65 (sequence 18)
Language
German
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’ 65 . ־ י und Fixierung der Halachah, ihr großer Wert für die Herstellung der Einheit im Judentum und seiner Lehre ist offenkundig. Es wurde immer anerkannt, daß diese ״Middoth“ mehr sind, als nur logische Anweisungen. ,,Der Midrasch ist die Pforte zu allem und die Grundlage von allem. Woher hätten wir ohne die Tradition Verbindung und Verständnis der Mizwoth?“ sagt Abraham ibn D au d am Eingänge seines Kommentars zum Sifra. Durch diese Bemühungen von Hillel, von Akiba, von Ismael und von anderen war dem von Auflösung schwer bedrohten Judentum des ersten und zweiten nachchristlichen Jahrhunderts eine eigentümliche Aufgabe zum. klaren Bewußtsein gekommen. Im Kampfe mit dem Minuth, dem Hellenismus und anderen feindlichen Bewegungen der Zeit draußen und im eigenen Innern mußte es das Ganze der mündlichen und der schriftlichen Lehre denkend;durchdringen, es mußte die Gedanken .der Gegenwart mit der überlieferten Wahrheit in Verbindung setzen oder sie mit Klarheit davon ausschließen, wenn sie ihr widerstrebten. Darum bedeutet gerade jenes Zeitalter der Spaltung einen bedeutenden Abschnitt im Aufbau der mündliehen Lehre, besonders in der Geschichte ihrer selbständigen denkenden Erforschung, der Sebara. Ein enges Band verknüpft diese beiden Erscheinungen. Jene Auslegung der Schrift und der Tradition.mag wohl Fernstehenden als die Bemühung müßiger Köpfe erscheinen, als eine ״Logik des Scheins“ hinter der kein Wesen steckt. In Wahrheit aber kämpfte in der gewaltigen logischen Arbeit der Tannaiten das Judentum um seine Selbsterhaltung und wehrte sich gegen die furchtbar drohende Gefahr der Auflösung. Es kannte ■ keinen Papst und keine Konzilien, und es besaß keinen Index, um mit Autorität festzustellen, was Judentum sei, was nicht. So blieb nur eines übrig, die Begründung des Judentums und seiner geistigen! Welt durch die Kraft des Gedankens. In dem Gebäude, das auf diese ‘ Weise errichtet wurde, konnte jeder Gedanke Aufnahme finden, der sich mit Hilfe der Deutungsregeln legitimieren konnte, und die Middoth gaben die Möglichkeit zu einer Zusammenfassung aller jüdischen Richtungen inmitten einer Zeit der Zersetzung. Für die Aufstellung der Prinzipien, auf denen alle Sätze und Lehren beruhen, die das ganze Gebiet beherrschen und alle zerstreuten Erscheinungen zu ihren Grundlagen zurückführen, hat die Jurisprudenz das Wort ״konstruieren“ geprägt. Den gleichen Terminus kennt auch die logische Methodik der Tradition, wenn sie in den Middoth von Hillel bereits dafür das Wort ״Binjan Ab“ schafft, d. h. ״Aufbau einer Familie“. Die abendländische Jurisprudenz, wie die morgenländische Schriftauslegung verwenden also in beiden Fällen ein. Wort aus dem Sprachgebrauch des Baumeisters, und sie legen so beide Zeugnis ab für jene Baulust, die der menschlichen Vernunft überall eingeboren ist. Die Aufgabe, die den Meistern der Tradition gestellt war, war zunächst ein wissenschaftliches Problem, zunächst nur eine Frage der Bibelexegese. Aber es war zugleich im höchsten Sinne ein nationales Werk, ein Kampf für den Ewigen. Wie Jakob Grimm mehr war, als bloß ein gelehrter Germanist, und Karl Marx mehr als ein großer Nationalökonom, wie beide und noch viele andere ihren Platz Monatsschrift, 68. Jahrgang. 5

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