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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 1 · p. Seite 64

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Probleme der talmudischen Dialektik
Date
1924-01-01
Page
Seite 64 (sequence 17)
Language
German
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64 In diesem Zusammenhang aber ist es von höchster Bedeutung, daß gerade die Epoche'dieser Kämpfe auch in der Geschichte der Halachah und ihrer Dialektik einen entscheidenden Abschnitt bedeutet. Denn gerade jetzt wird die Methode der Schriftauslegung 1 0 g i sch bearbeitet und werden die Grundsätze fixiert, nach denen sich ihre Deutung richtet. Die lange schon geübte Exegese wird zu einem logischen System ausgebildejt. Hillel macht den Anfang. Er stellt den Kanon seiner sieben Deutungsregeln auf (Toss. Sanh. VIIn, Aböth der. Nathan 377, Einleitung zum Sifra). Seine Grundsätze sind im einzelnen sehr verschiedener Natur. Manche davon sind rein logisch und werden unbewußt von jedem Menschen, auch von dem -Naturmenschen, auch von dem Kinde angewendet. Dies gilt namentlich von dem ersten, dem Kalwachomer, dem Schlüsse a minore ad majus. Andere umgekehrt stehen außerhalb der Logik und sind aus ihr nicht ableitbar. Dies gilt von der Geserah schawah, soweit sie nicht Begriffs-, sondern reine Wortanalogie ist (Frankel, Darkhe hamischnah, S. 19). Andere aber, so die. beiden Formen des Binjan Ab, setzen eine lange geübte exakte und im strengen Sinne wissenschaftliche Exegese und Interpretation der Schrift voraus und sprechen in der Terminologie einer wissenschaftlichen Logik die Grundsätze aus, nach denen man dabei verfahren war. Sie schaffen sie nicht, sie verkündigen sie nur. Deshalb ist auch die Behauptung wahrscheinlich, daß Hille diese Grundsätze nicht etwa neu gefunden habe, sondern daß sie vor ihm schon in Anwendung gewesen und von ihm nur formuliert worden seien (S. R. Hirsch, Ges. Schriften V, S. 362). Auch die Generationen, die auf Hillel folgten, widmeten sich der neuen Theorie mit großer Hingabe. Gerade in. jener Zeit voller Zwiespalt und voller innerer Auseinandersetzung im Judentum streiten Nachum aus Gimso und Nechunjah ben Hakoneh. Ueber hundert Jahre nach Hillel lehrt Akiba eine neue Art der Deutung und stellt sein Gegner Ismael einen Kanon von dreizehn Deutungsregeln auf. Sie stehen am Eingang der Sifra. Wenn sie aber nur hier sich fänden, dann hätten nur die Gelehrten Kenntnis von ihrer Existenz. Sie sind aber außerdem bezeichnender Weise auch in das Gebetbuch aufgenommen und dadurch erst allgemeiner bekannt geworden, ein Element der jüdischen Volksbildung. Moritz Steinschneider hat darauf in seinen Vorlesungen das hübsche Wort geprägt, die Juden singen Metaphysik und beten Logik. Soviel ist Tatsache, daß die wissenschaftliche Grundlage für eine Logik und Dialektik, wonach die Schrift bearbeitet werden sollte, in einer Epoche der Spaltung im Judentum gelegt worden ist. Diese beiden Entwicklungen aber scheinen uns in einem engen Zusammenhange zu stehen. Die Middoth, nach denen die Thora erklärt werden sollte, sollten eine Waffe im Kampfe gegen die Auflösung sein. Sie sollten alles erschließen, was in der Schrift enthalten ist, und den Weg zeigen, wie Anschauungen und Forderungen auf den Boden der Schrift zurückgeführt 1werden könnten. ״Umgekehrt konnten sie auch einen Maßstab abgeben, nach dem mit Sicherheit festgestellt werden konnte, was der Bibel und der Ueberlieferung entschieden zuwiderlief. Ihre hohe Bedeutung für die Begründung

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