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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 1 · p. Seite 63

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Probleme der talmudischen Dialektik
Date
1924-01-01
Page
Seite 63 (sequence 16)
Language
German
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63 Bestand des Judentums in Frage gestellt war. Die gemeinsame Grundlage der gesicherten Ueberlieferung, auf der allein sein Leben gedeihen konnte, bestand nicht mehr, und es drohte die Gefahr der vollkommenen Auflösung. Bildeten sich wirklich zwei Thoras und gelang es nicht, die beiden Ströme, die sich damals trennen wollten, wieder in einem einzigen Flußbett zusammenzufassen, dann konnten sich im Fortgange der Entwicklung aus ihnen leicht zwei verschiedene Religionen bilden, die bald völlig verschiedene Wege gingen, deren Bekenner sich .auch nicht mehr mit den Anhängern der anderen Lehre verschwägern durften. Jede jüdische Sonderbildung, die den Zusammenhang mit dem Strome der Ueberlieferung verliert und ihre eigenen Wege geht, ist im Laufe der Zeiten verschwunden. Das zeigt das Schicksal des hellenistischen Judentums, und das bekräftigt auch der Weg des Urchristentums, das gerade damals ins Leben trat. Zunächst wollte es nur eine Abart des alten Judentums sein, bald genug aber wurde es zu einer neuen Religion. Unter diesen Umständen war den jüdischen Lehrern des ersten Jahrhunderts eine große Aufgabe gestellt. Die bedrohte Einheit der Lehre mußte neu begründet, die verlorene mußte wieder hergestellt oder wieder nach gewiesen werden. Der Kampf um die Einheit des Judentums zeigt sich in dieser Periode auf verschiedenen Gebieten und, in verschiedenen Formen, und auf ihn scheint auch die besondere Entwic.klung und Ausbildung der Dialektik zurückzugehen. Er äußert sich in den rücksichtslosen Bemühungen des Patriarchen um die überragende Stellung des Nasi. Gamliel kannte keine Schonung, wenn es galt, abweichende Meinungen zu unterdrücken.• Er rechtfertigt aber seine mächtige Energie ausdrücklich mit dem Hinweis auf die bedrohte Einheit der Thora: ,,Herr der Welt, offenbar ist es vor Dir, daß ich es nicht zu meiner Ehre und nicht zur Ehre meines väterlichen;Hauses getan habe, sondern zu Deiner Ehre, damit sich nicht die S t r e i t i g k e i t e n i n Israel mehren“ (B. m. 59b). Tötend, auflösend wirkte vor allem die alexandrinisc.he Schriftauslegung. Sie vermochte jede Tatsache in eine Allegorie, jedes strikte Gebot in ein Symbol zu verwundein. Wie leicht mochte man etwa das Gebot der Milah bildlich deuten im Sinne von Moses Gleichnis ,,Thr sollt die Vorhaut Eures Herzens beschneiden!“ (Deut 1017. Vgl. [Philo Üeb. d. Einzelges. I § 8; Z. H. Chajes] zu Sabb. 63a in der Wilnaer Talmudausgabe). Der Widerspruch gegen diese Auffassung und Behandlung der Bibel Word durch den großen Grundsatz ausgedrückt אין מקרא יוצא מידי פשוטו, das heißt, jedes Wort der Bibel bewahrt,, wie immer man es auch deuten möge, doch stets daneben noch seinen wörtlichen Sinn. Wie auch immer Sod, Derusch und . Remes, verborgener Sinn und Deutung und Allegorie gelten mögen, unter allen Umständen behauptet doch der Peschat, der schlichte Wortsinn, sein Recht (Sabb. 63a, Jeb. 11b, 24a). Dieser •Grundsatz der Ueberlieferung erscheint wde ein deutlicher Protest gegen Methoden und Lehren des hellenistischen Judentums, er ist nicht bloß eine ewige Wahrheit, sondern auch ein Bekenntnis aus der Zeit für die Zeit.

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