Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der talmudischen Dialektik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 15)
- Language
- German
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62 auf die alexandrinische Hermeneutik, S. 2): ,,In den Zeiten der Makkabäer begegnen wir schon einem mächtigen Ausbau; aber über den Ausbau selbst, über die allmähliche Entwicklung, über die Geistestätigkeit einiger, Beginn und Keim der jüdischen Religions- Wissenschaft und Literatur in sich schließender Jahrhunderte, liegen keine Urkunden, keine bewährte Nachricht, kein Schriftwerk vor.“ Doch wird uns wenigstens e i n wichtiger Umstand durch die Ueberlieferung erhalten. Die ganze Lehre war unstreitig. Noch herrschte vollkommene Einmütigkeit. Erst zur Zeit der Syrerkriege, um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts, traten verschiedene Meinungen zu Tage. In den Tagen des Jose ben Joeser soll die erste halachische Kontroverse aufgetaucht sein (Mischnah Chagigah II, 2, R. Jose Sanh. 88b, j. Chagigah II'; 2, S. 77d). Bis dahin aber soll in allen Fragen der Lehre vollkommener Einklang geherrscht haben. Nachher kannte man diese Harmonie nicht mehr, aber die Zahl der ־ Kontroversen war doch gering, und die Tradition weiß sie noch auf längere Zeit für jede Generation einzeln genau anzugeben (Sabb. 14b). Streit, Disput und Gezänke der Gelehrten liegt also keineswegs im inneren Wesen der mündlichen Lehre begründet. Welch ein ganz anderes Bild bietet aber die Halachah 150 Jahre später, im ersten nachchristlichen Jahrhundert, in der Zeit der Jünger von Hillel und Schamai! Damals, als das Christentum entstand und sich vom Judentum löste, war das palästinische Juäentum in eine große Zahl feindlicher Riehtungem zerfallen, die sich zum Teil selbst über die Fundamente der Thora und über die Prinzipien der Deutungmicht mehr miteinander verständigen konnten. Es gab Pharisäer, Sadduzäer und Essäer, Hellenisten und Judenchristen. Ame haarez, Minim und noch viele andere. Die Einheit des Judentums war zersprengt, und dieser Zustand äußerte sich auch auf dem besonderen Gebiete der Halachah. ,,Als die Schüler von Beth Hillel und Beth Schamai zahlreich wurden, die. nicht genügend Umgang mit ihren Lehrern gehabt hatten, wurden die. Kontroversen in Israel zahlreich, und sie teilten sich in zwei Parteien. Diese erklärten für rein, was jene für unrein erklärten, und die Einheit wird nicht wiederkehren, ehe der Sohn Davids erschienen ist“ (j. Chag. eit. Frankel, Darkhe hamischnah S. 45, bringt den Zwiespalt mit dem Niedergang des Synhedrion in jener Zeit in Verbindung). Noch erkannten sich die streitenden Parteien ,als Juden an, und trotz aller Differenzen verschwägerten sich die Schüler Hilleis und Schammais doch mit Familien aus dem anderen Lager (Jeb. 13b). Aber nach dem Urteil des Jeruschalmi war der Zusammenhäng mit der Vergangenheit doch bereits gelockert, und die Kette der Ueberlieferung war am Reißen. Die geistige Einheit bestand nicht mehr. ״Mit den Schülern Hilleis und Schammais, die nicht genug Umgang mit ihren Lehrern gehabt hatten, mehrten sich auch die Streitigkeiten in Israel, und die Thora wurde so- Zusagen zu zwei T11 o r a s so charakterisierte später R. Jose diese Zeit (Sanh, 88b). Wie im einzelnen diese Krisis kam, und verlief, wissen wir nicht. Die ganze Zeit ist für uns in Dunkel gehüllt. Aber soviel lehren uns doch die spärlichen und allgemeinen Aeußerungen, dieder Talmud uns überliefert, daß damals der ganze