Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der talmudischen Dialektik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 13)
- Language
- German
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60 .Diese Berührung aber hat lange gedauert und die E p oche des j ü di sc h e n He 11 e n i s m u s be sc 11 rankt sich keineswegs auf die Zeit Alexanders des Großen und die darauf folgenden J ahrhunder t e. Zwar war die Erlernung der griechischen Sprache in den letzten Kämpfen gegen Rom, das damals dem Juden die griechische Welt verkörperte, verboten worden (M. Sotah IX, 14, B. k. 82b. Zu der ganzen Frage vgl. Joel, Blicke in die Religionsgeschichte zun Anfang des II. Christliehen Jahrhunderts I, S. 6 ff.)* Spuren des Verbotes finden sich auch noch mehrfach im Babli wie im Jeruschalmi (Toss. Ab. s. I, 20, j. Peah I, 5, S. 15c, Sotah IX, 10, Men. 99b). Aber der Talmud selber zeigt, wie wenig das Anathem wirksam war. Kaum war es erlassen, da fragte ein Neffe von Rabbi Ismael, der die ganze Thora erlernt hatte, seinen Onkel, ob ein Mann von seiner Art nicht griechisch lernen dürfe (Men.. 99b). Im Hause des Patriarchen Gamliel wurden tausend Kinder erzögen, wovon fünfhundert die Thora und fünfhundert das Griechische erlernten. Rabbi Jehuda Hanassi ließ, weit mehr als ein Jahrhundert nach der Tempelzerstörimg, in Palästina nur zwei Sprachen gelten, die hebräische und die griechische (B. k. 83a). Seine Familie genießt das ausgesprochene Privilegium, griechisch lernen zu dürfen, weil sie im Verkehr mit dem fürstlichen Hause diese Sprache brauche (j. Ab. s. II, 2, S. 41a oben). Aber nicht nur die griechische Sprache, sondern auch die griechische Weisheit wurde mindestens bis in die Zeit, in der der Jeruschalmi abgeschlossen *wurde, gelernt. In der Zeit der Ptolemäer, nicht lange nach Alexander dem Großen, war die Septuaginta geschaffen worden. Aber lange nach dieser eigentlichen Blütezeit des Hellenismus, noch im zweiten nachchristlichen Jahrhundert, wurden von Juden und für Juden andere griechische Bibelübersetzungen gefertigt (Meg. 9a). Die bekannte Deutung des Bibelwortes, daß die Schönheit von Japhet in den Zelten von Sem wohnen solle, stammt keineswegs aus alter Zeit, sondern aus recht späten Tagen, von Simon ben Gamliel und von Chi ja bar Abba, den Zeitgenossen Rabbis (Gen 92ל, Meg. 40 a). Noch Rabbi Abuhu stellt ausdrücklich fest, daß man die Töchter griechisch lernen lassen dürfe, weil das ein Schmuck für sie sei (j. Sabb. VI, 1, S. 7d). Infolgedessen hat die alte talmudische Zeit eine Vertrautheit mit der griechischen Welt, die späteren Epochen völlig verloren gegangen ist. In der Zeit der Tossafisten z. B. wußte man nichts mehr davon. Teilt doch ein historisch denkwürdiges Tossaphoth (Sabb. 116a) zur Erklärung des Wortes פיל ס1פא ausdrücklich mit, ein Jude, der aus Griechenland gekommen sei, habe erzählt, in der griechischen Sprache bedeute ,,Philosoph“ einen Freund der Weisheit. Einem palästinischen Amoräer hätte man das nicht erst zu sagen brauchen, und einem babylonischen wahrscheinlich auch nicht. Wenn aber mindestens dem palästinischen Judentum die griechische Sprache und die griechische Weisheit bekannt war, dann ־war es wohl auch in der g r i e c h i s c h e n P h. i 1 o s o p h i e bewandert. Hervorragende Tannaiten waren mit griechischen Philosophen vertraut. Das gilt vor allem von einem der wichtigsten unter ihnen, von R a b b i M e i r , dem Vater der Mischnah.. Seine Persönlichkeit zeigt uns in ihrem Ursprung wie in ihrer Entwicklung,