Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der talmudischen Dialektik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 11)
- Language
- German
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58 Form des Midrasch. Anders als seine unmittelbaren Lehrer, aber in Uebereinstimmung mit den lange schon verstorbenen Tannaiten leitet er die Sätze der Halachah wieder aus dem Bibelworte ab (Jawitz, Toldoth Jissrael VII, S. 52 11. 2, 3). Die Halachah ist also innerlich bewegt. Und auch im einzelnen haben die Methoden und Formen der halachischen Diskussion ihre Geschichte. Sie sind zu bestimmten Zeiten entstanden, während sie früheren Geschlechtern unbekannt waren, sie blühten eine bestimmte Zeit, wandelten sic.1: und verschwanden wieder aus der lebendigen Uebung der Wissen- Schaft. So finden wir z. B. die Geserah schawah erst bei Hillel, und in der Epoche der Tannaiten *ist sie weit eher eine rationelle Form für die Begründung der Halachah, als in der Zeit der Amoräer (Frankel, Darkhe Hamischnah, S. 19, 20). Haben aber die einzelnen Elemente der talmudischen Sebara ihre Geschichte, so wird ihn dieser charakteristische Gedankenstil auch im Ganzen haben. Und die große Frage erhebt sich, woher er stamme und auf welchen Wegen er in das Judentum eingedrungen ist. Denn in der Thora finden wir ihn noch nicht. Die Lösung dieses Problems wäre ein Beitrag zu dem großen Programm, das Z. Frankel der talmudischen Wissenschaft entworfen hat. Soweit wir urteilen können, können wir es־ ganz all״ gemein aussprechen, daß4 die Dialektik durch die Berührung des Judentums mit dem griechischen Geist angeregt wurde, und daß sie erst recht auflebte in der eigentümlichen Lage, in der sich das Judentum in der Periode, in der das Christentum entstand, befand. Im Laufe der Jahrhunderte war damals ein neues Problem erwachsen. Vorher hatte es nicht existiert, und es ist wohl erst im Laufe des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts brennend geworden. Im Verlaufe dieser schweren Krisis wurde die Dialektik ein Mittel zur Erhaltung der Einheit der Lehre und damit ein Organon zur Rettung der Einheit, ja sogar vielleicht des Be״ Standes des Judentums. Sie ist das dann auch später geblieben, vor allem in der talmudischen Epoche. -Ein Seitenstück zu ihr bietet sich schon viel früher in der g r i e־־ chischen Weisheit und Dialektik. Die Vermutung liegt nahe, daß an diesem Punkte das־ griechische Denken auf das jüdische eingewirkt hat. ״Das Ferment, das im dritten Jahrhundert auf den jüdischen Geist einzuwirken begann, war die griechische Philosophie“ (Ludwig Levy, Das Buch Qoheleth. Ein Beitrag zur Geschichte des Sadduzäertums, S. 11). Für diese Annähme sprechen zahlreiche gewichtige Momente. Die Masse der griechischen Fremd׳־ und Lehnwörter im Talmud, die Krauss in einem eigenen Lexikon zusammengestellt, zeigt, in welch gewaltigern Umfange das palästinische und auch das babylonische Judentum die Formen des griechischen Lebens angenommen hat. Auch die Termini für die religiöse, ja die gesamte geistige Welt sind in weitem Umfang griechisch gewesen. DasBeth Din hieß bald Synhedrion, aus Chummosch und Mikro wurden Pentateuch und Bibel, und statt vom Beth Hakneseth redete man von der Synagoge. Der Talmud kennt und verwendet sogar die speziellen griechischen Bezeichnungen für den Gelehrten. In palästinischen Quellen wird dieser Öfter als ״Sophist“ bezeichnet (Krauss, Griechische und