Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der talmudischen Dialektik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 10)
- Language
- German
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57 handenen kleben und sich nicht mit dem Ueberlieferten begnügen״ sondern ans dem vorliegenden Stoff auf das Unbekannte schließen. Daher/wirkt auch in der Sebara jene Kraft des Geistes, die erst der Thora das ewige Leben sichert. Sie macht sie von den Wechselfällen der Zeiten unabhängig und bewahrt sie vor der Gefahr der Vergessenheit. Sie ist ein Schutz gegen die drohende Vergänglichkeit. Aber diese Leistung ist nicht ihre einzige historische Mission. Di e talmudis che Dialektik war nicht zu allen Zeiten gleich. Vielmehr haben verschiedene Epochen anders gefolgert und ihre Lehren mit anderen Methoden der Beweisführung begründet. In der Aufdeckung dieser inneren Geschichte hat Frankel eine Aufgabe vollendeter Talmudforschung gesehen. ״Eine Entwicklungsgeschichte der Halachah dürfte wohl einen Grundstein zu dem neu vorzubereitenden Baue bilden. Eine Erörterung, die zeigte, wie das Einzelne-der Halachah ins Leben getreten und wie sie von einfachen Anfängen sich in jene reichen wildbrausenden Ströme ergoß; eine Untersuchung, durch welche erkannt würde, was jeder Zeit angehört, was ferner aus dem jedesmaligen Bedürfnis hervorging und was der freien Forschung sein Entstehen verdankt; eine Ermittelung des Forschens der früheren und späteren Zeit, die nachwiese, wie eines aus dem anderen derivierte, in die Diskussionsweise■ jedes Zeitalters ein dränge und die rhapsodistische Aneinanderreihung des Früheren und Späteren in ein System brächte: würde ein klassisches Studium des Talmud fördern und den oberflächlichen Ur- .teilen sowie vielen unreifen Ansichten Vorbeugen. Doch welchen Schwierigkeiten begegnet eine solche Forschung!“ (Z. Frankel, Vor- Studien zu der Septuaginta, S. XII), Wie die besondere Form der Sebara aber nicht nur eine wissenschaftliche Methode, sondern zugleich auch das Dokument einer ganz bestimmten religiösen Ueberzeugung ist, so ist auch das von Zacharias Frankel damit aufgestellte Programm weit mehr, als nur die Feststellung eines literargeschichtliehen Problems, es ist vielmehr zugleich die Urkunde und das Zeugnis seiner Stellung zu großen Grundfragen der jüdischen Religion,, und gerade um die angeführten Sätze wurde im Hirsch-Franlcelschen, Streit schwer gekämpft (Vgl. S. R. Hirsch, Ges. Schriften, VL S. 380). ' , Die Wege und Formen der talmudischen Dialektik haben in der Zeit der Gemara bisweilen von Geschlecht zu Geschlecht sich gewandelt, so daß die vierte Generation wieder zu Ehren brachte, was: die erste gepflegt und die zweite und dritte vernachlässigt hatte.. Es sei beispielsweise daran erinnert, daß die frühe tannaitische Zeit ihre Sätze durch Deutung von Schriftworten entwickelt hatte, so daß; sie als Schrifterklärung, in enger Anlehnung an das biblische Wort,, als Midrasch, erscheinen. In der Mischnah dagegen herrscht ein ganz; anderer Stil. Hier erscheinen die Halachoth als selbständige Sätze״ durch mehrere Generationen hindurch haben -sie keine Verbindung mit den Versen der Bibel, sie sind zur ״abstrakten Halachah“ geworden. In dem Babylon des vierten nachchristlichen Jahrhunderts aber ändert sich abermals das Bild. Raba ist wieder ein Meister der alten, lange vernachlässigten, jetzt aber wieder aufiebenden: