Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der talmudischen Dialektik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 9)
- Language
- German
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י' - . י' 56 Vorgänger, Ben Bag Bag, aufgefaßt hatte, trage er ihm seine Kleider ins Baäehaus nach (Erübin 27b). Und Raba sagte einmal in seiner Freude über eine solche Entdeckung: ,,Wenn ich gestorben bin, muß mir R. Hoschajah entgegenkommen, weil ich eine Boraitha ebenso erklärt habe, wie er“ (B. k. lila). In dem religiösen Glauben an die Einheit und die Uebereinstimmung der gesamten Ueberlieferung, für den diese und noch viele andere Aeußerungen Zeugnis ablegen, liegt aber die Nötigung beschlossen, widerstrebende Sätze, Worte und Anschauungen fast um jeden Preis zu versöhnen und die Gedanken eher iimzubiegen, als anzuerkennen, daß sie einander fremd sind. Daher ist auch die Dialektik im Talmud nicht nur eine wissenschaftliche Methode, sondern sie ist die Aeußerung eines Glaubens und in gewissem Sinne sogar ein Zeugnis jüdischer Frömmigkeit. II. Aber auch historische Not Wendigkeiten haben in der Geschichte der Sebara eine entscheidende Rolle gespielt. In der Dialektik hat sich das Judentum die Mittel geschaffen^ durch die sich sein Wesen und sein Geist unter beispiellosen Schwierigkeiten lebendig erhalten hat, das Organ, mit dem es sich gegen die geistige Vernichtung mit großem Erfolg gewehrt hat. Auch diese Dialektik hat zum Fortbestand der Lehre beigetragen. Als es noch keine Bücher gab, war diese bedroht. Resch Lakisch war überzeugt, daß die babylonischen Lehrer, die nach Erez Israel gezogen waren, wie Esra, Hillel und Rabbi Chi ja,, die Thora vor dem Schicksal der Vergessenheit bewahrt hätten (Sukkah 20a). In den Zeiten der großen Krisen war oft genug das Studium verboten, in der Zeit der Syrerkriege, der Aufstände gegen Rom, fielen Lehrer und Schüler in Scharen, der lebendige und ununterbrochene Zusammenhang der Ueberlieferung wurde gestört, und vieles wurde vergessen. Ein Denken, das sich nicht bei dem Gegebenen beruhigt und nicht zufrieden ist, wenn es nur das von den Vätern Ueberkommene den Kindern weitergibt, brachte unter diesen Umständen dem jüdischen Geiste und seinen Schöpfungen die Rettung. Nach der Ueberzeugiing der Amoräer war es schon in alter Zeit so gewesen. Siebzehnhundert Halachahsätze, sagt Abuhu, seien in den Tagen der Trauer um Mose vergessen worden, aber der Richter Othniel habe sie durch seinen Pilpul wieder hergestellt (Tem. *16a). In einer viel späteren Zeit aber rühmte sich ein Schüler Rabbis, Chanina ben Chama, wenn die ganze Thora einmal vergessen sein sollte, werde er sie durch seinen Pilpul wieder ans Tageslicht bringen (Keth. 103b). Aehnliches ist ja wie auf anderen Gebieten so auch in der Wissenschaft des Judentums im Verlaufe des 19. Jahrhunderts dank jener bewundernngswürdigen Methode gelungen, die. uns manches verschollene Werk wiedergeschenkt hat und deren glänzendstes Beispiel auf dem Gebiete der rabbinischen Literatur die Rekonstruktion der Pesikta des Rab Kahana durch Leopold Zunz ist (Gottesdienstliche Vorträge, II. Auf!., S. 195 ff). Dialektisch ist freilich diese literarkritische Methode nicht, zum mindesten braucht sie es nicht zu sein. Darin aber ist sie mit der Dialektik verwandt, daß beide nicht am Vor-