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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 1 · p. Seite 55

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Probleme der talmudischen Dialektik
Date
1924-01-01
Page
Seite 55 (sequence 8)
Language
German
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55 Dem Talmud ist diese Kritik wohlbekannt. Er weiß die göttliche Gabe des Geistes, der zwischen deri Elementen scheidet, hoch zu schätzen, und zeigt das sogar in der Anordnung unserer Gebete. ,,Scheidung ist Weisheit, und darum wird die Habdalah m dem Dankgebet für die Weisheit erwähnt“, sagt Rab Joseph (Ber. 33a). Und Raschi fügt hinzu, das Kennzeichen des Weisen sei, daß er zu scheiden verstehe zwischen heilig und gemein, zwischen rein und unrein. Jeder Blick in die Gemara zeigt, wie schon in ihr die Halachahkritik im strengen und exakten Sinne ihre Heimat gefunden hat. Manche Lehrer lösen einen Widerspruch zwischen zwei Sätzen derselben Mischnah oft durch die Feststellung, es bestehe ein Widerspruch, wer den einen Satz gelernt habe, sei nicht der Autor des anderen, die Mischnah stamme also von zwei verschiedenen Autoren (חברא מי ששנה זר לא שכד« וי Belege bei Bacher, cit., II, S. 228). Sie vollziehen also eine richtige Quellen- Scheidung. Oft verzichtet der Talmud auf die Lösung einer Schwierigkeit und erklärt einfach, die Frage bleibe offen (תיקו). Oft aber individualisiert er auch. Er verweist dann etwa darauf, wie die eine Quelle palästinische Verhältnisse voraussetze, die ändere aber babylonische. Als Beispiel greifen wir die Behandlung der Frage, heraus, ob ein Talmud jünger erst nach abgeschlossenem Studium oder aber schon vorher heiraten solle (Kidd. 29b). Die T ossef ta' (Kidd. VI, 10), also eine palästinische Quelle, verlangt, zuerst solle einer seine Studien vollenden und nachher möge er heiraten. Der babylonische Amoräer Samuel aber lehrt das Umgekehrte als Halachah. Beide Sätze sind einander entgegengesetzt. Der Palästinenser Jochanan aber löste die Schwierigkeit, indem er den Rat zu früherer Heirat als einen Satz für Babylon, die Warnung davor aber als eine palästinische Halachah bezeichnete (,,Das eine gilt für sie, das andere für uns“ הא לן והא לד».י. Vgl. die zahlreichen Parallelstellen). Die babylonischen Studenten verließen nach, der HeiratJhre Familien, sorgten nicht für sie und konnten sich infolgedessen der Forschung widmen. Dagegen sorgten die palästinischen Gelehrten für Weib und Kind, hatten ״den Mühlstein am Halse“ und kamen dadurch nicht zum Studium. Den verschiedenen Sitten in beiden Ländern entsprechen daher auch verschiedene Gesetze. Die Kritik ist dem Talmud wohl vertraut. Aber die herrsehende Geistesrichtung ist doch in ihm nicht die Sonderung und die Scheidung, sondern das rückhaltlose Vertrauen auf die Einheit der Lehre und auf die Harmonie in dem ganzen Bereiche der Ueberlieferung. In einer berühmten Geschichte, die für den Talmud und seine Lehrer besonders charakteristiseh ist (Taanith 21a, Keth. 69b), will Ilfa, der Zeitgenosse Von Jochanan bar Napcha, sich ins Meer stürzen, wenn er nicht für jede Boraitha aus der Sammlung von R. Cbijä und R. Hoschäjah, . die ihm vorgelegt werde, eine Stütze in der Mischnah nach weisen' könne. Er setzt also ohne Weiteres die absolute Harmonie von Mischnah und Tossefta voraus, und falls sich seine Annahme nicht bestätigen sollte, ist er keineswegs bereit, sie zurückzunehmen, lieber will er sterben. Aehnlich sagt Ilias Freund und glücklicherer Genösse Jochanan, wenn ihm •einer ein biblisches Wort so deute1, wie es ein

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