Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der talmudischen Dialektik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 7)
- Language
- German
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54 Die ganze Mischnah und Gemara ist nach Reseh Lakisch dem Mose offenbart worden (Ber. 5a), und Mose habe bereits die Verlesung der Megillah gekannt (Meg.' 19b). Ja, es sei ihm am Sinai schon enthüllt worden, was in der Folge der Zeiten ein tüchtiger Schüler seinem Lehrer vortragen werde (j. Peah cit., j. Meg. IV, 1). So dachten die Lehrer über den Beginn der halachischen Entwick- 1 u n g. Und ganz ähnlich beurteilten sie ihren Fortgang. Jochanan ben Sakkai lebte einige hundert Jahre vor Abaji und Raba. Trotzdem lehrt die Gemara, die Fragen dieser großen babylonischen Lehrer seien ihm bereits bekannt gewesen (Sukkah 28a). Auch nach dieser Auffassung kann die Halachah im Laufe ihrer Geschichte bewegte Schicksale erleiden. Eine Geschichte in unserem Sinne und eine solche Entwicklung^ wie sie die Gedanken der Moderne beherrscht, ist freilich ausgeschlossen. Von einer Neuschöpfung religiöser Ideen weiß der Talmud nichts zu sagen. Um so mehr aber deutet er alle Bewegungen als eine Renaissance, und an die Stelle neuer Wahrheit tritt die ewige, fortgesetzte Wiedergeburt der alten, von Uranfang an bestehenden. Die göttliche Offenbarung kann unter den Menschen vergessen werden, und dann können die Enkel als neu entdecken, was die Vorfahren gewußt und die Väter vergessen hatten. So erzählt die Legende, Mose sei in das Lehrhaüs des Akiba versetzt worden und habe zuerst nicht verstanden, was dprt vorgetragen wurde. Erst nachher habe er bemerkt, daß die unverstandenen Sätze seine eigene Lehre waren (Men. 29b). Für den ganzen Umfang der Lehre gilt daher jener Grundsatz, den der Tal׳■ mud auf die Geschichte einzelner Institutionen anwendet: ״Sie hatten sie vergessen und haben sie dann später neu begründet“ (Sabb. 104a). Hier ist der Punkt, in dem mit der Gemara Goethes ״Vermächtnis“ übereinstimmt : ״Das Wahre war schon längst gefunden, hat edle Geisterschaft verbunden. Das alte Wahre, fass* es anf\ Dieser religiöse Glaube übt aber seine Wirkungen auch auf dem Gebiete der Forschung. Er äußert sich hier in einem großen V e r - trauen auf die Einheit der Lehre, auf ihre Freiheit von Widersprüchen. Und hier liegt abermals eine wichtige Wurzel der talmudischen Dialektik. Denn diese Voraussetzung nötigt folgerichtig, Widersprüche, die sich dennoch zeigen, wegzudeuten und ihre Versöhnung mit Gewalt zu versuchen. Das Mittel für diesen Zweck aber ist die Dialektik, die Sebara, der Pilpul. Der wahrhafte Friede zwischen widersprechenden Gedanken wird allerdings auf diesem Wege nur schwer erzielt. Für das Zusammenleben der Menschen wie für den Kampf der Ideen gilt vielmehr gleichmäßig Abrahams Wort (Gen 13ö): ״Lass doch keinen Streit zwischen mir und Dir. Das ganze Land liegt vor Dir. Trenne Dich doch von mir, willst Du zur Linken, so gehe ich zur Rechten, und willst Du zur Rechten, so gehe ich zur Linken“. Trennung, das heißt auf dem Gebiete der Forschung Kritik: Wo Kritik herrscht und die Eigentümlichkeit der verschiedenen Elemente von vornherein anerkannt wird, weil sie verschiedenen Persönlichkeiten, verschiedenen Richtungen, verschiedenen Zeiten zugewiesen werden, da , wird der Raum weit und die Gegensätze können nebeneinander bestehen.