Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der talmudischen Dialektik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 53 (sequence 6)
- Language
- German
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53 des Pilpul und der Sebara, ja, vielleicht noch nicht einmal die wichtigste. Vielmehr hängt die Dialektik im Talmud wohl auch mit reli ״ glösen Grundstimmungen, Ueberzeugungen und Lehren zusammen. Die Thora seihst ist göttliche Offenbarung. Mose, der sie verkündet hat, ist ein Prophet. Für die weitere Ent- Wicklung haben aber die Rabbinen selbst aus diesem übernatürlichen Ursprung nicht alle Konsequenzen gezogen. Vielmehr deuten sie den letzten Vers im dritten Buche Mose als eine ausdrückliche Erklärung, daß von nun an kein Prophet mehr eine neue Bestimmung treffen könne (Sabb. 104a). Die Weiterbildung der Thora ist von nun an den Menschen überlassen und vollzieht sinh durch das Denken der Chachamim. Der Chacham ist mehr als ein Prophet (B. b. 12a), und die Worte der Aeltesten sind gewichtiger als die der Propheten (j. Ber. I, 5). Es gibt nicht mehr Orakel irgendwelcher Art, und die jüdische Justiz kennt darum weder Ordalien, noch Gottesurteile, vielmehr haben die Urim und Tumim aufgehört seit dem Tode der früheren Propheten (Sotah 48a). Das bedeutet das imponierende Wort, das die Aggadah dem Rabbi Josua in den Mund legt, und über das Gott lacht: Die Thora ist nicht im Himmel (B. m. 59b). Die religiöse Ueberzeugung, die sich in diesem Worte ausspricht, führt notwendig zur Herrschaft des Denkens. Nicht die Schau des Propheten und nicht das Bath Kol, die Stimme aus den Himmelshöhen, sondern der Gedanke ist nunmehr das Werkzeug, durch das die Halachah gefunden und ,weitergeführt wird. Das Denken hat seine religiöse Weihe erhalten. Die Sehara, die selbständige, selbsttätige menschliche Forschung bedeutet nun, seitdem an dem Tage, an dem der Tempel zerstört wurde, die Prophetie den Propheten genommen und den Weisen übergeben worden ist (B. b. 12b), das Gleiche, was einst die Prophetie bedeutet hatte. Ferner ist die talmudische Dialektik bedingt und erzeugt durch jenen Glauben an eine ewige Wahrheit, der den Talmud überall durchzieht. Nach der alten Lehre des Judentums ist die ganze Lehre, die schriftliche wie die mündliche, eine einzige große Offenbarung. Sie umfaßt gleichmäßig das Frühere, wie das Spätere, ja, es gibt in Wirklichkeit gar kein früher oder später. Die zehn Worte und die Deutungen, die viele Jahrhunderte später die Sofrim gegeben haben, sind dem Mose an einem und demselben Tage auf dem Berge Sinai mitgeteilt worden (Meg. 19b). In diesem Sinne wendet der Talmud auf die Geschichte der mündlichen wie der schriftlichen Lehre das Wort des Koheleth an (110): ״Es gibt manches, von dem man sagen möchte: Sieh, dies ist neu, und doch war es schon in den Ewigkeiten, die es vor uns gewesen äst" (j. Peah III, 6, vgl. hierzu auch S. Kaätz, Die mündliche Lehre und ihr Dogma. Erstes Heft. Leipzig, ׳־־■־ .(1922 Weder im Anfang, noch im Fortgang der Ueberlieferung kann es demnach etwas Neues geben. Der Midrasch (Schemoth rabba 416) lehrt, dem Mose seien am Sinai die Prinzipien der Thoraforschung, nach denen später Tannaiten und Amoräer die Lehre deuteten, mitgeteilt worden. Einzelne Amoräer aber sind noch weiter gegangen.