Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der talmudischen Dialektik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 5)
- Language
- German
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52 Vaters einziger Sohn. Wie ist er mit mir verwandt?“ So schöpft auch der Talmud gerade aus den merkwürdigsten Verwicklungen, aus ״ausgerechneten Fällen“, wobei der Leser mit Paradoxien überschüttet wird. Ein Feld darf nicht mit verschiedenen Arten besät werden (Lev 1919; Deut 229). Trotzdem lehrt die Mischnah, auf einem Felde, das sechs Handbreiten im Quadrat groß sei, könne man fünf, ja unter besonders günstigen Verhältnissen dreizehn verschiedene Arten von Gewächsen säen, und gibt Anweisung, wie das zu bewerkstelligen sei (Kilajim III, 1). Infolgedessen ist der Talmud ausgesprochen geistreich. Man kann diesen öfters übersehenen Charakterzug gar nicht genug hervorheben. Gerne behandelt er unlösbare Fragen. Eine Antwort kann mit Sicherheit nicht gegeben werden, aber der Fall selber ist interessant und reizvoll. Als einziges Beispiel wollen wir aus der Fülle der unzähligen Casus, die wir in dem großen Werke finden, nur jenen einen aus der Mischnah B. k. V, 1 anführen : ״Ein Ochse hat eine trächtige Kuh gestoßen, und man findet neben ihr ein Kalb, das tot zur Welt gekommen ist. Man weiß nicht, ob die Kuh das Kalb vor dem Stoß oder nachher geworfen hat, ob das Kalb also infolge des Stoßes oder von selber tot zur Welt gekommen ist“. Hat hier der Besitzer des Ochsen auch für das tote Kalb Schadenersatz zu leisten? Und Fragen werden im Lehrhaus gestellt, die auch dem Talmud anstößig sind, sodaß der Schüler, der sie aufwirft, relegiert wird. Dieses Schicksal widerfuhr in Babylon dem nachmals berühmten Jirmij ah (B. b. 23b), in Palästina dem sonst wenig bekannten Pelima (Men. 37a, Toss. ebd. s. v. - .(או קום גלי Mit der Lust an der Paradoxie vereinigte sich aber die Freude am.Feuer des Geis t e s. Unsere Alten empfanden seinen Glanz mit der tiefsten Wonne. Bei der Milah des Elischah, des späteren Acher, veranstaltet sein Vater Abujah ein großes Fest. Rabbi Elieser und Rabbi Josua sondern sich von den übrigen Gästen ab, sie reden von der Thora, und da geschieht ein Wunder. Aus allen Seiten schlagen rings um sie Flammen auf. Der Hausherr fürchtet, die beiden wollten ihm sein Haus in Brand stecken. Aber er ängstigt sich ohne Grund. ״Die Worte waren so fröhlich, wie damals, als sie am Sinai gegeben wurden, und das Feuer umhüllte sie, wie die Glut am Sinai“, (j. Chagiga II, 77b). Die Freude am Glanze der Diskussion ist ein wesentlicher Zug des talmudischen Geistes. ״Schescheth zitterte am ganzen Leibe vor der scharfen "Diskussion Chisdas“ (Erubin 67b). Der Talmud hat seine Freude an dem scharfen geschulten Denken und bezeichnet selbst schon in früher Zeit seine Methode als P il p u l, das heißt als ״Pfeffer“ (Bacher a. a. O, II, S. 157). Der Perek Kinjan Thora, eine Boraitha, eine Schrift aus der tannaitischen Epoche, nennt bereits als ein Mittel, durch das die Thora erworben wird, diesen Pilpul. Ein ,,scharfer“ Kopf wird als gesalzen bezeichnen, wie die Alten vom attischen Salz sprachen. Die Gemara nennt denDenker den Mann, der aus tiefen Brunnen schöpft (Sabb. 7a) und wendet auf ihn das Bild des Tauchers an, der in gewaltige Tiefen hinabsteigt und die Perlen heraufholt (B. k. 91a). Aber diese allgemein menschliche, im Talmud freilich besonders ausgeprägte Disposition ist keineswegs die einzige Wurzel