Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der talmudischen Dialektik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 4)
- Language
- German
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51 die einzelne Erscheinungen begreiflich macht, dem ganzen großen Werke aber schwerlich gerecht wird. Wir hören manchmal die Vermutung, diese merkwürdigen Fragen seien eigentlich gar nicht ernst gemeint gewesen, sondern sie *seien nur ein Spiel des Witzes, der Rätsel aufwerfe und Rätsel löse, sie hätten vor allem den Geist des Schülers schärfen sollen. In gewissem Umfang trifft diese Deutung tatsächlich zu. Der Talmud selber hat für diese Methode den besonderen Terminus חדד, denn ״wie Eisen das Eisen schärft, so schärfen sich zweiTalmide Chachamim gegenseitig in derHalachah" (Taan. 7a. Vgl. Spr. Sal. 2717). Und nach dem ausdrücklichen Zeugnis des Talmud haben Tannaiten und Amoräer manche Behauptung nur aufgestellt, um dadurch die Schüler zu ״schärfen" (Nas. 59b, Erubin 13a, Chullin 43b, Ber. 33b). Man findet diese Erscheinung aber überall in Vexierfragen und begegnet ihr im Altertum bei den Sophisten. ״Epimenides, der Kreter, sagt, alle Kretenser seien Lügner. Also hat auch er gelogen und sind die Kretenser keine Lügner. Also hat er die Wahrheit gesprochen und sind alle Kretenser Lügner." Und so weiter in infinitum. Aber in diesem leichten Spiel kann sich ein tiefer Ernst verbergen. Das Paradoxon, das offenbar Unsinnige, kann dennoch die Hülle der Wahrheit oder das Gewand eines schweren Problems sein und wirkt dann als ein mächtiger Antrieb zu seiner Enthüllung. Man denke nur an die im Altertum und bis tief in die Neuzeit berüchtigten Logoi des Eleaten Zeno, an die Trugschlüsse, mit denen er die Wirklichkeit der Bewegung leugnete. Lange konnte niemand diese offensichtlich der Wahrheit widersprechenden Behauptungen widerlegen, und der Knoten war nicht gelöst, wenn Goethe meinte :;,Und wenn sie die Bewegung leugnen, geh ihnen vor der Nas’ herum". Diese Sophismen haben als Sporn und Stachel infolgedessen ihren bedeutenden Anteil an der Aufklärung der Natur der Bewegung gehabt. In der Mathematik sind heute noch die Namen der negativen Zahlen, die anfangs sogar als absurde bezeichnet wurden, der irrationalen und der imaginären Zahlen lehrreiche Urkunden für das Staunen des menschlichen Geistes über die Existenz unglaublicher, paradoxer, undenkbarer ״sophistischer" Gebilde, von deren Denkbarkeit und Wirklichkeit sich dennoch der Geist früher oder, später überzeugen muß (Cassierer, Das Erkenntmsprobleih' I, S. 435). Dieser Zug unseres Denkens, die Fr ende des Geistes a m Paradoxon ist vielleicht für den Juden überhaupt, sicherlieh aber für den Talmud besonders bezeichnend. Für einfache und anscheinend selbstverständliche Dinge interessiert sich der Talmud wenig’ Umgekehrt fesselt ihn ein Gedanke, wenn er recht kompliziert, verwickelt und auffallend ist, In diesem Punkte unterscheidet sich die Halachah von unseren modernen Gesetzen. Diese bringen die einfachen Elemente des Rechts r Die Bildung der Komplikationen aber überlassen sie dem Leser, und der Richter mag dann die verworrenen Tatbestände, die ihm vorgelegt werden, wieder entwirren. Will man aber dem Talmud gerecht werden, dann darf man zum Vergleich nicht sowohl ein modernes Gesetzbuch heränziehen, sondern viel eher eine juristische Aufgabensammlung. Da ist das Einfache in ein Problem verwandelt.;,Dieses Menschen. Vater ist meines 4*