Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der talmudischen Dialektik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 3)
- Language
- German
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50 will es nicht gelten lassen, daß er Pilpul treibe, sondern bezeichnet seine Methode als klaren und einfachen ״Peschat“. Diese Erscheinung begegnet uns schon sehr frühe im Talmud selber. Ein Mann von so ausgeprägtem Scharfsinn, wie Rab Nachman will doch gelegentlich diesen nicht gelten lassen, sondern charakterisiert sich selber so, daß wir uns darüber nur wundern können; er sei kein Dialektiker, wohl aber kenne er die Traditionen und verstehe es, sie zu ordnen (Pes. 105b). Die alten nun meist schon in die Ewigkeit eingegangenen Hörer des Breslauer Rabbinerseminars erzählten gerne, wie der Nach״ folger von Zacharias Frankel dort seine Laufbahn als Lehrer des Talmud begann. Er trug nach der Methode des Pilpul vor, und seine Hörer waren davon zunächst sehr betroffen. Bald aber waren sie entzückt von der neuen geistvollen Art. Und der verstorbene N. A. Nobel, ein hervorragender Talmudist, pflegte, wie einer seiner Schüler in einem Nachruf (Jüd. Rundschau März. 1922) berichtete, von der Kunst des Pilpul zu sagen, es sei ebenso angenehm, sich in ihrem Besitze zu wissen, wie keinen Gebrauch von ihr zu machen. Diesen Widerstreit erfährt wohl jeder Leser an sich, wenn er sich in eine der klassischen Schöpfungen der talmudischen Dialektik, etwa in die Bemerkungen des Maharscho vertieft. Die Gemara hat ihren eigenen, charakteristischen Gedankenstil. Er mag uns fremd sein, uns zum Widerspruch reizen, ja uns zunächst abstoßen, und sicherlieh scheint er uns häufig fürs erste unbegreiflich zu seih. Aber seine fremde Art wird uns immer verständlicher, je mehr wir in den Talmud eindringen. Je mehr wir mit den Wurzeln und der Seele des großen .Werkes vertraut werden, desto natürlicher erscheint uns auch dieser Stil und desto mehr erkennen wir in ihm das angemessene Kleid für die Gedanken, die er ausspricht. Mancher Gedankengang hat immer den Spott der Außenwelt hervorgerufen. Denken wir nur an den Anfang des Mischnahtraktates Bezah, an ״das fatale Ei, das ein Hühn gelegt am Sabbat‘‘, wie Heinrich Heine es nicht ganz zutreffend wiedergegeben' hat! Wer sich aber um den Talmud bemüht und ihn im Zusammenhang des Ganzen zu würdigen versucht, findet auch diese anscheinend abstrusen Gedankengänge in ihrer Art und ihrer Welt vollkommen berechtigt. Jene Klagen über Philosophen und Theologen, über Juristen und Mathematiker wurden und werden übereinstimmend in allen Zeiten iirid Ländern erhoben^ Und eben deshalb tragen sie die Rechtfertigung der Angeschuldigten bereits in sich. Denn sie legen dadurch Zeugnis ab von der tiefen Lebenskraft und damit auch von dem Leb.ensrecht des dialektischen Denkens. Wäre. die. Dialektik eine geistige Krankheit, dann wäre sie Dank den Bemühungen erleuchteter Geister schon lange verschwunden wie der Glaube an Hexen oder irgend eine andere geistige Erkrankung. Davon kann aber gar keine Rede sein. Sie blühte immer und blüht heute wie je. Und wer die merkwürdigen Gedankengänge des Talmud prüft,: überzeugt sich auch meist, daß hier, dem Augenschein zuwider, eine strenge, geschlossene und natürlich erwachsene Welt der Gedanken vorliegt und nicht etwa ein Hirngespinst müssiger Köpfe. Die auffallenden Deduktionen, die wir dort finden, werden von den Freunden des Talmud;oft' mit einer Erwägung gerechtfertigt,