Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der talmudischen Dialektik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 2)
- Language
- German
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49 auf tauchte, daß nun das Römische Recht von den Universitäten verschwinden werde, begründete Heinrich Dernburg, damals der erste Pandektist Deutschlands, die ewige Notwendigkeit des Pandektenstudiums mit dem schönen Gedanken, an den Buchstaben des Gesetzes geschmiedet nach kümmerlicher Vorbildung müsse auf die Dauer der Jurist die Freiheit verlieren, die allein ihn befähige, das Gesetz zu beherrschen. Die gleiche Ueberzeugung aber hat die Gemara. Sie nennt die oben genannten Tannaim, die .mit starkem Gedächtnis begabt die Mischnah auswendig wissen, die Verderber der Welt (Sotah 22a), weil sie ihre halachischen Ent- Scheidungen nur aus dem Buchstaben der Misc.hnah ableiten, während sie der unentbehrlichen Diskussion des Gesetzestextes nicht gewachsen sind. Und sie stellt umgekehrt die Männer mit scharfem, bohrendem Verstand hoch über die vielbeschlagenen Gelehrten, wenn sie auf sie das alte Sprichwort anwendet, besser sei ein einziges Pfefferkörnlein, als ein ganzer Korb voller Kürbisse (Joma 85b, Meg. 7b u. ö). Daher tritt uns in der Gemara neben jener großen, Gelehrsamkeit, die die Amoräer kennzeichnet, auch jenes andere eigentümliche und für den Talmud so charakteristische Moment der Sebara entgegen, das man seit Alters her als P i 1 p u 1 bezeichnet. Und diese besondere Methode des Denkens und des Studiums im Talmud ist eine auffallende, rätselhafte, schwer verständliche und schwer deutbare Erscheinung. Sie ist kein rein talmudisches Problem, sondern sie tritt uns im ganzen Bereich des wissenschaftlichen Denkens ahnlieh wie im Talmud entgegen, aber sie hat bei alledem im Talmud ihre eigentümliche Note. Alles menschliche Denken endet leicht in Dialektik. Sie ist keine Entartung des Geistes, sondern ein normaler Weg. Aber eine gewisse Tragik ruht über ihr, die auch im Schicksal des Talmud mit einer merkwürdigen und fast ergreifenden Deutlichkeit sich äußert. Man kann zu ihr nicht einfach ja oder nein sagen, sondern gelangt immer zu einem zwar — aber. Zwar fühlt sich das Gemüt mit einem mächtigen Zauber zu ihr hingezogen, aber es schreckt doch gleichzeitig entsetzt vor ihr.zurück, und der menschliche Geist möchte dieses sein rechtmäßiges Kind nur zu gerne verleugnen. Auf allen Gebieten treten uns die Angriffe auf die Dialektik und ihren Geist entgegen. Die uralten und ewig jungen Klagen über die Kniffe der Sophisten, über die Scholastik der Theologen, über das Abracadabra der Philosophen, über die Rabulistik der Juristen, über die ,,Schreckensherrschaft der Mathematiker" stammen alle aus einer Wurzel, aus dem Schrecken des sogenannten gesunden Menschenverstandes über das kunstvolle, verschlungene Denken. In der modernsten Jurisprudenz hat der Vorkämpfer der Freirechtsbewegung, Ernst Fuchs, sein Hauptwerk, ein bedeutendes und sehr einflußreiches Buch, ohne weiteres betitelt ,,Die Gemeinschädlichkeit der konstruktiven Jurisprudenz". Auch dieses Buch aber ist voller Konstruktion und Dialektik und legt dadurch ein unfreiwilliges Zeugnis ab von dem Rechte dieser von Fuchs so scharf bekämpften Wege des Denkens. Wie die Geschichte aller Wissenschaften ist aber auch die innere Entwi c kl ungdesTa 1 m u d verlaufen. Der größte Pilpulist Monatsschrift. 68. Jahrgang.