Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der talmudischen Dialektik
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 1)
- Language
- German
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- Amoraim 1× ep/1003430
- Homer 1× ep/1025156
- Rashi 1× ep/1002670
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•48 satz zu dem gelehrten und behutsamen Rabba bar Rab Mathna). Die ersten gelten in der anschaulichen Sprache des Talmud als ,,die verkalkte Zisterne, die keinen Tropfen verliert“ oder als der Sinai, der fest in sich beruhende Berg, die anderen aber als der sprudelnde Uuell oder als der Riese, der Berge entwurzelt (Aboth II, 11, Hör. 14a). Diesen verschiedenen Trägern entsprechen aber auch zwei verschiedene Arten des Studiums und der Lehre. Zu der verkalkten Zisterne gehört die G e m a r a , die Stärke der ,,sprudelnden Quelle“ aber liegt in der Sebara. גמד bedeutet die vollständige Aneignung des Lehrstoffs durch das Gedächtnis (Bacher, Terminologie der Bibel-und Traditionsexegese II, S. 28). Das Seitenstück und die Ergänzung aber, סברא, bedeutet ״die aus eigenem Nachdenken geschöpfte Meinung“, bei der nicht so sehr das Gedächtnis herrscht, als vielmehr die spontane Kraft des Denkens (Bacher, S. 129). Ein Mann der Wissenschaft wird immer beide Gaben vereint in sich tragen. Der Gelehrte wird immer zugleich auch ein Forscher, der Forscher ein Gelehrter sein. Aber in verschiedenen Persönlichkeiten werden beide Elemente immer auch in verschiedener Stärke und verschiedener Zusammensetzung verteilt sein, bei dem einen wird die Gemara, bei dem anderen die Sebara überwiegen, und in dieser Mischung wird sich ihre Persönlichkeit und ihre Wissenschaftliehe Eigenart äußern. Diese Erwartung bestätigt sich auch im Talmud. Die frührabbinische Literatur kennt den Tanna, den berufsmäßigen Tradenten, der die ganze tannaitische Ueberlieferung auswendig weiß, wie der Rhapsode den Homer. Er kennt Mischnajoth und Boraitoth bis ins kleinste Detail mit viel Wissen, vielleicht aber mit wenig Urteil. Und wie wir von einem wandelnden Konversationslexikon sprechen, so kennt auch der Talmud (Meg. 28b) den ״Korb voller Bücher“. Solch ein gelehrter Mann kennt die ganze Literatur der Amoräerzeit, Mischna, Sifra, Sifre und Tossefta, aber er ist, nach Raschi, nur ein Korb, den man mit Büchern gefüllt hat. Was darin steht, weiß er nicht, und die Gründe der Mischnah sind ihm verschlossen. Er ist das äußerste Extrem, ja die Karikatur, der ״verkalkten Zisterne“, und die großen Amoräer, etwa Rab Nachman, betrachten ׳ihn mit einer unverhohlenen Geringschätzung. Der Talmud schätzt das systematische Wissen hoch ein und sieht darin die Grundlage für alles Nachdenken. Ein wichtiger Grundsatz seiner Methodik verlangt, man solle zuerst erlernen und dann erst das so Eingeprägte verstehen (Sabb. 63a). Und er hat (j. Hör. III, 9 S. 48c. Vgl. Bacher II, S. 136) den Vorzug vor dem Dialektiker dem םדרן gegeben, dem Ordner, der die Halachah kennt und die Mischnahsätze in ihrer Reihenfolge vortragen kann. Ebenso schätzt er (Hör. 14a) den Sinai mehr als den Simson, der Berge ausreißt, denn ,,alle bedürfen des Mannes, der Korn besitzt“. Man braucht den viel wissenden Gelehrten, dessen Gedächtnis über den ganzen Schatz der Tradition verfügt. Aber dieses Urteil gilt nicht unbedingt, sondern bedarf der Ergänzung durch, sein Gegenteil. In jedem Studium stellt es sich bald heraus, daß im Wissen allein das Heil nicht liegt. Als das Deutsche Bürgerliche Gesetzbuch eingeführt wurde und die Gefahr