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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 1 · p. Seite 46

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1924-01-01
Page
Seite 46 (sequence 20)
Language
German
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46 sind Religionsphilosophen, und beider Religionsphilosophie, die metaphysischen Spekulationen des einen wie des anderen, haben mit dem gedanklichen Gehalt des biblisch rabbinischen Judentums nichts zu schaffen. Salomo ihn Gabirols Werk konnte sieben Jahrhunderte hindurch als die Leistung eines Nichtjuden gelten, bis, die gelehrte Forschung den Irrtum aufklärte. Und doch ist dieser ganz und gar unjüdische Denker neben Jehuda Halewi unser größter religiöser Sänger, in seinen gottesdienstlichen Hymnen ein erhabener Dob metscher innigster jüdischer Empfindung, der echte Herold des Lebens und der Sehnsucht seines Stammes. Spinozas spekulatives Gedankenwerk steht dem Judentum nicht ferner als das Gabirols. In innerster Herzensempfindung aber ist er ein arger Widersacher, der böse Feind und Ankläger seiner Brüder. In ihm lodert nichts mphr von dem Feuer der Liebe zu jüdischem Sein, das in Gabirol so heiß׳ brannte. Dieser Fall Spinoza freilich hat seine Vorgänger und seine Nachfolger gehabt, er ist so erstaunlich nicht. Wie aber ist der religiöse Dichter Gabirol zu erklären, dessen Herz ganz mit der Seele seines Volkes zusammenschmilzt? Wie ist es möglich, in der philosophischen Weltanschauung, selbst in theologischer Spekulation, als ein Fremder zu erscheinen, in der Spiegelung persönlichen Erlebnisses aber, in der Hingebung des Herzens sich als der treueste Sohn von Glauben und Art der Ahnen zu bewähren? Es gibt keine andere Erklärung dafür als die: ein anderes ist Wesens- Verwurzelung, Einsgefühl mit den blut- und glutvollen Empfindungen wirklicher Menschen, ein anderes theoretisierende Konstruktion, in welcher der freischaffende Intellekt im luftleeren Raume des Denkens von aller Erdgrundlage sich loslösen kann. Daß das Denken, eine ' bestimmt ausgerichtete Ideenführung, zuletzt wiederum — unbeschadet der logischen Autarkie ■und des Eigenlebens der Begriffe ~ gerade bei dem philosophischen Genius aus der tiefsten Lebens״ empfindung der Persönlichkeit selbst hervorbricht, in einem hohen Maße Projektion des Gefühls im Gebiet des Gedanklichen ist, ändert nichts an der Tatsache, daß ein wesentlich theoretisch gestimmter Geist aller Erdenschwere, damit aber auch aller erdhaft konkreten Bestimmtheit leicht entschweben kann. Denn die Daseinsstimimmg, die den Schwung des Denkers beflügelt, ist in der Hauptsache sein persönlich individuelles Eigentum, das Gefühl aber,, das aus dem unjüdischen D e n k e s Gabirol im Dichter das ergebene Kind seines Stammes macht, das ihn, wo er empfindet, jüdisch empfinden läßt —־ das ist eben das starke Bewußtsein des Zusammenhanges mit seinen Brüdern, das Erlebnis der Einheit mit seinem Stamm und mit dessen Art, Gott zu ehren. Es ist überall dasselbe, was uns begegnet. Wir könnet^ die jüdische Idee nur begreifen, wenn wir sie auf dem Wege geleiten, den sie gemeinsam mit ihren Trägern bei deren Geschick, ihren Taten und ihren Leiden, dahinwandert. Als die' Kabbala die Geister in Banden schlug, den Schwerpunkt der Religiosität weithin‘-von seiner Läge verdrängend, als mystische Ziele die religiöse Gemeinde auilockerten, da gab.es keine Trennung der Kinder Jakobs von ihrem gemeinsamen Zelte; denn stärker als irgend ein besonderer Gedanke* den ein neuer Glaube schenken_könnte, machtvoller als alle* Speku-

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