Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 21)
- Language
- German
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47 lation über die göttliche Wahrheit, nachdrücklicher als der süße Reiz, um wundersame Geheimnisse zu wissen, wirkte immer wieder die Treue gegen das Gebot des Lebens, dem man mit ganzem Herzen und ganzer Seele untertan bleiben wollte. Die Geschichte, nicht die Me t aph ysi k des Ueber - sinnlichen ist die Quelle des jüdischen Glaubens, die Geschichte, in deren Waltnng sich das Volk durch die Güte des einzigen Gottes auf besonderem Wege geleitet empfand. Diese Geschichte bedeutet hier vor aller I de enentf altung, vor dem Werden und Wandel der Weltanschauung, das wirkliche Dasein wirk- 1 i c h e r Menschen, das Leben des Stammes, der sich von Gott auserkoren fühlte, um in besonderer Weise diesem Gott zu dienen. In diesem Gedanken der Auserwählung ist der entscheidende, sich immer erneuende Hinweis auf die Realität bestimmter Menschen gegeben. Mit dieser Offenbarung ist die altisraelitische Religion ans Licht getreten, indem sie den Nachkommen des Abraham die besondere Fürsorge des einzigen Gottes verhieß. Von dieser Erkenntnis hat das prophetische, das talmudische, das rabbinische Judentum immer gelebt. Das eigentümliche Schicksal und die eigentümliche Aufgabe jener Auserkorenen fesselte seinen Sinn, keine spekulative Gotteslehre, keine mystische Versenkung. Vom lebendigen Gott reden Thora und Propheten und von dem Gotte der Väter, welcher der Gott der Kinder ist. Man darf die beiden Charakterisierungen aufeinander beziehen: Der Jude bewährt sich vor seinem Gott nur in seiner Geschichte, d. h. im wachen Zusammenhang mit Schicksal und Werk seines Stammes, seiner Gemeinde. Daß die Mauern, welche diese Gemeinde umschließen, aber niemals durch ibre'Höhe dem Auge und der Seele die freie Fernsicht auf die W'elt jenseits der Grenze verwehren, dafür hat ja Israels Gott dadurch gesorgt, daß er gerade für den hochgemuten Sinn des Israeliten״ immer der Einzige blieb, der Einzige für alle Menschen. Probleme der talnmdisclien Dialektik. . Von Rabbiner* Dr. M. Eschelbacher in Düsseldorf. I. Zwei verschiedene Typen von Talmide Chachamin treten uns im Talmud entgegen. Die Kraft der einen zeigt sich in einer genauen Kenntnis der Ueberlieferung und in dem starken Gedächtnis, mit dem sie ihr Wissen festhalten. Die anderen aber sind schöpferische Geister. Die Quelle der Erkenntnis fließt in ihnen selber, sie sind mehr, als nur die bloßen Träger der Tradition. Sie stehen über dem Stoffe und verarbeiten ihn nach ihrem Willen und vielleicht* auch nach ihrer WiUkür. , Wenn die gleiche halachische Frage zwei verschiedenen Gelehrten vorgelegt wird, entscheidet sie der eine durch eigene Ueberlegung, der andere aber zitiert eine Satzung und entscheidet nach ihr (so Seb. 96b von dem Unterschied zwischen Romi und Schescheth. Aehnlich Hör. 14a die Charakteristik des scharfsinnigen und rasch fragenden Seira im Gegen-