Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 19)
- Language
- German
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45 Mensch behauptet. Und so konimt, wenn nicht der Form, so doch der Sache nach, eine Glaubenslehre zustande, die in ihrem Aufriß durchaus von den ethischen und metaphysischen Sätzen des Christentums indem Sinn geleitet wird, daß aus dem Interesse der Polemik oder. Selbstbehauptung der Gegensatz gegenüber jener Lehre die Disposition, ja, den Inhalt der eigenen durchgreifend bestimmt. Dort dreieiniger Gott — hier Einzig-Einigkeit, reiner Monotheismus; dort Erbsünde und Erlösung durch den Mittler — hier Freiheit der Personlichkeit und Selbstentscheidung; dort Aneignung der rettenden Gnade durch den Glauben — hier das unmittelbare‘Ringen der Menschenseele um das gottgeschenkte Heil durch die Erfüllung der Gebote. Dort der Fluch des Gesetzes — hier sein Segen für den zu seiner Bewährung kräftigen Menschen; dort Weltverneinung, hier Lebensbejahung; dort Pessimismus — hier Optimismus. Wir wollen nicht bezweifeln, daß die Quellen der jüdischen Religion, wie sie literarische Urkunden und Besinnung auf lebendige Frömmigkeit darbieten, im allgemeinen ein Recht zu dieser Gegen- Überstellung geben, auch nicht übersehen, daß für den Standpunkt eines natürlichen sittlichen Empfindens und einer unverbildet schlichten religiös gefärbten Weltansicht die Satze auf der jüdischen Seite unvergleichlich klarer erscheinen und dem durch keine dogmatische Erziehung verbogenen Geiste leichter eingehen. Aber es fragt sich doch, ob selbst bei zugestandener Richtigkeit dieser Lehrmeinungen, in Ansehung ihres Zusammenhanges mit jüdischem Denken und Empfinden, cs fragt sich, ob eine derartige Formulierung den religiösen Gehalt des Judentums wirklich zutreffend widerspiegelt. Man kann diese Frage nicht damit abweisen, daß man an die Geburt des Christentums aus dem Judentum erinnert, als ob die Aufdeckung des metaphysischen Widerstreites zwischen beiden nichts anderes wäre, als die Wiedereinsetzung der ursprünglichen Position, von welcher die Tochterreligion abgebogen sei; denn erstens ist diese ja nicht allein aus bewußter Auflehnung gegen ihren historischen Ursprung entstanden, wie sie freilich z. B. die Opposition der paulinischen Theologie gegen das Gesetz zeigt — griechische Gedanken leisten ja einen mächtigen Beitrag für den Aufbau der Lehre. Und zweitens stellt sich das Christentum bei dem Hinausgang aus seinem geschichtlichen Ursprung, indem, es sich von einer auf einen bestimmten Kreis von Menschen begrenzten Gesinnung ablöst und mit aller Kraft und vollem Bewußtsein auf die geistige Unterwerfung der Welt arbeitet, dar, als Abtrennung von der Lebensgrundlage, die für die j üdische Religion unwandelbar die,Existenz des jüdischen Stammes bildet. Daraus folgt, daß eine noch so scharfe, geschichtlich unanfechtbare und auch mit dem Selbstzeugnis der Frömmigkeit wohl übereinstimmende Beschreibung des Glaubens niemals den Kern, das W e s e 1n des Judentums erfaßt, das von dem L e b e 11 der Seele ebenso abhängig bleibt, wie von dem Gehalt des Geistes. Für das Verhältnis dieser beiden sei zum lehrreichen Vergleich *auf die so gänzlich verschiedenartigen Beziehungen aufmerksam gemacht, die zwei hervorragende Denker unseres Stammes mit ihm verknüpfen, auf Salomo ihn. Gabirol und Baruch Spinoza, Beide ׳״׳׳&»■