Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 1 · p. Seite 43

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1924-01-01
Page
Seite 43 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2829132-2829921-2829923-2848558--45579-2848634
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

die religiöse Lebensreform durch Wissenschaft in Gang bringen zu wollen. Ueber das Verhältnis der beiden Kulturgebiete handelte der ׳erste Teil dieser Arbeit, von dem hier nichts wiederholt zu werden braucht. Jetzt kommt es uns darauf an, zu zeigen, wie auf diesem Wege der Grundsinn jüdischen Wesens auseinander gesprengt wirdi Die rationalistische Richtung muß aus psychologisch historischen, wie aus den ihrer Idee wesenhaften Gründen das Schwergewicht auf die weltanschauliche Seite des Religiösen legen. Aus jenen, weil sie bewußt Wegschaffung oder Reinigung sein will. Die religiöse Verfassung des emanzipierten Judentums will sie sein, des Stammes, dessen Glieder immer mehr in die bürgerlichen, sozialen, Wirtschaftliehen, ״politischen und allgemein geistigen Gliederungen der Umwelt eingeschmolzen werden. Diese Entwicklung mag an und für sich unaufhaltsam sein, sofern die Juden mehr und mehr sich in der sie umringenden Völkerwelt verlieren. Aber es gibt außer dieser selbstverständlichen und unvermeidlichen Tendenz zur Assimilation noch eine bewußte und gewollte Einkehr für ihre Beschleunigung. Diese formt auch die jüdische Religion um. Denn für sie erscheint es notwendig, das jüdische Individuum in seiner rein menschliehen Besonderung zu isolieren, um es dann den anderen gesellschaftliehen Gruppen und ihren Bindungen einzugliedern. Dieses jüdische Individuum mußte darum vor allem von den verwickelten Konsequenzen abgelöst werden, mit denen das Religionsgesetz, das streng durchgeführte und in den mittelalterlichen und noch späteren Verzweigungen sich nie genug tuende, den Juden in allen Daseinssphären festgehalten; hatte. Freiheit hat ja zwei Beziehungspunkte: frei sein von etwas und frei sein für etwas. Diese Richtung des Blickes übersah oder erfaßte wenigstens nicht scharf genug, daß ein geistiges Gefüge, insbesondere das in einem seelischen Wesen zu Tage tretende, nicht aus verschiedenen nebeneinander bestehenden Momenten, gleichsam säuberlich übereinander gelegter! Schichten zusammengesetzt ist, sondern daß geistiges Sein ein Ineinander, qualitatives Leben bedeutet. Zweierlei Wirkungen mochten da als möglich erscheinen: Indem der jüdische Mensch des spezifischen Inhalts entleert wurde, der ihm bislang Farbe und Eigenart gegeben hatte, indem die religiösen, ethnischen und lebendig geschichtlichen Bindungen zerschnitten wurden, die ihn mit seiner Wurzel verknüpft hatten, dünkte grundsätzlich der Weg zur vollen Assimilation geebnet. Sie bedeutet die Eingliederung der vom Judentum sich befreienden Persönlichkeiten in die Verbände des sie umgebenden, anders bestimmten nationalen und kulturellen Daseins, Durch die Lockerung und Erweichung der persönlichen Traditionen nach der negativen Seite und durch die positive Erziehung und Leitung des Willens zur Erfüllung mit dem geistigen Gut der uns umringenden Menschheit ist zahllosen Juden dieses Absterben für ihre Art und ihre Geschichte tatsächlich zur Wirklichkeit geworden. Die Taufe als das Freibillett zur modernen Kultur ist in den modernsten Zeiten immer weniger notwendig geworden, wenigstens dort, wo die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Bekenntnis, infolge der immer offener zu Tage tretenden Emanzipation

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.