Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 16)
- Language
- German
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42 sie gerade auf Grund ihrer am sichtbarsten zu Tage tretenden Neigung, die in einer Abkehr vom Uebermaß des Rituellen .besteht, nach ihrem positiven Sinn deuten, als den Versuch, die Keime des universal Menschlichen, die im Wesen des spezifisch Jüdischen liegen, zu einer allgemein gültigen Weltanschauung zu entfalten. Der Kampf gegen angeblich oder wirklich abgelebte Formen, den der Radikalismus bald in eine Absage gegen die gegebenen Gestaltungen des Judentums in Gottesdienst und Leben überhaupt erweiterte, die Säkularisierung des jüdischen Menschen, das heißt seine Ablösung von der religiös ethnischen Grundlage, in die er sich bislang eingebettet fühlte, die Begrenzung des Jüdischen auf einen lehrbar weltanschaulichen Gehalt, die Abneigung gegen das Nationale, nicht bloß in dem Sinne der politischen Wiederherstellung eines jüdischen Volkes auf dem Boden der Vater und gegen eine eigenständige jüdische Kultur in den Ländern der Diaspora, sondern schon in der Bedeutung der Ablehnung oder doch des Mißtrauens gegenüber den konkret lebenshaltigen Elementen der Religiosität, wie sie sich etwa in hebräischer Gebetssprache zeigen, — alles das bedeutet zunächst gleichsam eine Enikonkretisierung, eine Verdünnung der religiösen Wirklichkeit überhaupt. In diesem Beginnen zeigt sich das Bestreben, die Re־’ ligiosität von den überkommenen geschichtlichen Fundamenten loszureißen. Dagegen brauchte man keinen Einspruch zu erheben. Im Gegenteil, die Ueberwindung des Historischen könnte das Zeichen einer aufs höchste gespannten Lebenskraft sein. Wenn das Mittelalter das abgebrannte Portal eines gotischen Domes durch einen Neubau im romanischen Stil ersetzte, weil in jenem Jahrhundert gerade das Romanische sich durchgesetzt hatte, so wird man vernünftigerweise darin nicht den Mangel an Stilgefühl tadeln, , sondern gerade umgekehrt die lebendige Kunstgesinnung und das hohe Können jener Gegenwart bewundern die fähig und selbstsicher genug war, um ihre jetzige Seele . zu so hohem. Werk zu beflügeln. Hätte man statt eines romanischen Kirchenportals ein stilgerecht gotisches Bauglied eingefügt, das aber seiner ganzen Gesinnung nach nicht zu einem Gotteshaus, sondern vielleicht zu einem Rathaus sich geeignet, so wäre das nicht lobenswert, sondern bedenklich. Denn Tempel muß Tempel bleiben. Unbildlich gesprochen, die Auflehnung gegen die jüdische Tradition, die grundsätzliche Bereitschaft zur Zertrümmerung zahlreicher hohl und nichtssagend gewordener Formen der Religiosität, die Vereinfachung oder gänzliche Abtragung des Zaunes, der um das Gesetz gezogen war, die Geltendmachung des Rechtes, alte Gebete aüszumerzen und neue einzuführen, kann einem besonnenen, wirklich freien Geist nur rühmenswert erscheinen, wenn nicht die Grundlage zur Seite gerückt oder weggedeutet wird, die dieser ganzen Lebensform überhaupt erst einen Sinn gibt. Diese Grundlage aber ist der j üdische Mensch in seinem realen Zusammenhang mit der Allheit jüdischer Menschen, n t cht eine Weltan s ch au u n g , eine Gotteslehre, eine Ansicht über den Sinn des Daseins und den Wert der Weit, die zufällig von Juden erdacht, der ganzen Menschheit angeboten sein sollen. Das aber ist die Tendenz des jüdischen reformerischen Rationalismus. Und im Verfolg dieser Tendenz begeht er seinen ersten Fehler,