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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 1 · p. Seite 41

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1924-01-01
Page
Seite 41 (sequence 15)
Language
German
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trägt, ist in Wahrheit mit dem lebendigen Geschieh tsbe wußts.ein seiner Träger innerlich verwachsen. Wie diese sich in jedem Moment ihres wachen Daseins als eine historische Gemeinde fühlen und alles wahrhaft bedeutende Geschehen immer nur als die Kinder dieser ergreifen und sich zu Gemüte führen, so ist auch die Zukunft und das Heil, das sie bringen soll, gemeinschaitlicher Besitz. Unvergessen bleibt auch im Messiasglauben das Menschentum überhaupt. Die Frommen aller Völker haben ja Anteil an dem kommenden Heil. Und die Weltordnung, die im Namen Gottes der Messias heraufführt, bedeutet die Befriedung des ganzen Menschengeschlechts. Aber nicht auf die besonderen inhaltlichen Bestimmungen und auf die Darlegung des Nebeneinanders von universalem und partikularem Fühlen, wie gerade dieses Lehrstück es ungeschlichtet enthält/kommt es unserer Betrachtung an, sondern darauf, daß auch hier uns klar wird, wie die religiöse Metaphysik des Judentums, wo sie wirklich Geist vom Geiste des Volkes bleibt, im geschichtlichen Leben verankert ist. Die messianische Hoffnung steht auf einer Ebene mit der Erinnerung an den Auszug aus Aegypten. Die konkrete Wirklichkeit menschlichen Seins und Geschehens, unzweifelhaft zu erlebendes Schicksal, keine überzeitliche transzendente Realität ist der Inhalt dieser Lehre. So ist es immer wieder die geschichtliche Existenz, des Volkes, der Einheit aller Menschen vielleicht, die den Sinn des jüdischen Bewußtseins ausmacht, die Wurzelung im Wirklichen. Das bedeutet ja alles andere als gedankenlos eitle Selbstbespiegelung, die Apotheose des eigenen Stammes oder in der universalistischen Ausweitung die Selbstverherrlichung der Menschheit; sondern es besagt,׳— und das will diese ganze Arbeit mit möglichster Deutlichkeit heraussteilen — daß Judentum und jüdische Religion kein echtes unverfälschtes Verständnis zulassen, wenn ihre geistigen Gehalte von vornherein sublimiert, in Gedankenhaftigkeit verflüchtigt, als eine allgemein menschliche Lebensanschau ung dargestellt werden. Nicht der objektive Geist, nicht die Summe gewisser Lehren über das Wesen des Göttlichen und des Menschlichen, die natürlich rein begrifflich durch Ausdeutung und Umdeutung, durch Symbolik, durch Auslassung und Verdichtung daraus abgeleitet werden können, dürfen das Auge des Betrachters bannen, sondern die Wirklichkeit des Seelischen, die Konkretheit des Lebens in der Bestimmtheit und Besonderung des jüdischen Menschen׳. Das verkennt fast durchweg die seit der Emanzipation aufgekommene rationalistische Ansicht, wenn sie von dem Gesamtkomplex Judentum grundsätzlich nur das gelten lassen will, was zu Gedanken, Gotteslehre, religiäs sittlichem Prinzip destilliert werden kann. Dieser Rationalismus ist ein Kind der deistischcn Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts, ein spätgeborenes, welches die Altersschwäche und mangelnde Ursprünglichkeit des Geistes seiner Erzeuger nicht verleugnet. Was ist das Wesen jener Gestimmtheit und religiösen Gesinnung, die sich als religiöse Aufklärung im westlichen, zumal im deutschen Judentum, dem Traditionalismus gegenübergestellt hat? Man kann

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