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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 1 · p. Seite 40

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1924-01-01
Page
Seite 40 (sequence 14)
Language
German
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40 .Wendurig der eudämonistische Charakter des esehatologischen Vergeltungsglaubens aufgehoben. Aber Maimuni ist nicht das Judentum, und seine Theorie kann in gar keinen Zusammenhang mit dem wirklichen Volksglauben gebracht werden. Wie aber stellt sich dieser zur Erwartung der Unsterblichkeit und jener besonderen Färbung, welche das Leben nach dem Tode und die messianische Hoffnung in der religiösen. Literatur empfangen hat? Man darf wohl sagen, daß der Glaube an eine Vergeltung und an die Waltung der göttlichen Vorsehung in der von keiner modernen Aufklärung berührten jüdischen Seele außerordentlich tief verankert ist. Auch die Hoffnung auf das Erscheinen des Messias und den durch diesen zu vollbringenden Wiederaufbau des Volkes Israel auf dem Boden .der Väter ist tief mit dem Gemüt verwoben. Die Gebete, welche diese Gedanken entfalten, die um eine Beschleunigung der verheißenen Erlösung flehen, künden laut davon, daß es sich um einen echten wurzelhaften Gehalt der Frömmigkeit handelt.. Aber gerade diese Gebete zeigen auch, daß die für die ganze Volksgemeinde, für die Allheit des Menschengeschlechtes erwartete Erlösung; noch heißer und inniger ersehnt wird, als individuelles Glück und persönliche Errettung. Der religiöse Instinkt sorgt sich wohl um das* Schicksal der Menschen in diesem, um das Heil seines unsterblichen Teiles im künftigen Leben. Der gerechte Ausgleich hier oder dort, am besten hier und dort, die Gewißheit, durch gute Werke auf die Schicksalsfügung einzuwirken, durch fromme gottgefällige Leistungen die Folgen voraufgegangener schlechter auszulöschen oder minder schädlich zu machen, der Gedanke an eine bisweilen in die- Einzelheiten der persönlichen Daseinsgestaltung sichtbar 'werdende, mit Händen zu greifende Vergeltung, — diese Vorstellungen sind sehr׳'■ mächtig in der ungebrochenen volkstümlichen Gläubigkeit der־ Juden — wie der Christen. Und fromme Kasuistik hat da oft einen starken Gottesglauben zu einer Dialektik verführt, die bei weniger edel gestimmten Gemütern das Verhältnis zwischen Tat und Lohn in. geradezu mathematisch rechnungsmäßiger Weise verstand. So konnte gelegentlich die strikte Erwartung unbedingt funktionierender Vergeltung den Gehorsam gegen das göttliche Gesetz wie Klugheit und wohl abgewogene Besorgung des eigenen — auch brutal materiellen — Glückes, des persönlichen Vorteils, ratsam erscheinen lassen. Zwischen, dieser gänzlich utilitaristisch eingestellten Frömmigkeit und der־ Hingebung des Menschen, der wie Hiob das Geben und Nehmen des Heiles in stummer Verehrung dem Willen Gottes anheimstellt, hat es zu allen Zeiten viele Mittelstufen und Nuancen gegeben, bei Juden und bei allen anderen. Die eigenartig jüdische Form des Vorsehungsglaübens aber kommt nicht in dieser allgemeinen Vergeltungslehre zum Ausdruck/sondern eben in jenen esehatologischen Hoffnungen,; welche die Erlösung des Volkes aus der Niedrigkeit, aus' Drangsal und Knechtung durch die Fremden, von der befreienden Tat des* Messias sich versprechen. Man mag das ein Dogma nennen, nachdem schon einmal dieser Begriff in dem unbestimmten Sinne eines allgemeinen Glaubensbesitzes zugelassen worden ist. Aber auch diese Vorstellung, die auf den ersten Blick einen theoretischen Charakter-

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