Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 13)
- Language
- German
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39 in der Welt als höchst eigenartig und in dieser ׳Eigenartigkeit von Gott gewollt empfand, — das schuf die seelisch e Voraussetzung, das Erlebnis dessen, was sich dogmatisch als die Unveränderlichkeit des mosaischen Gesetzes formulierte. Ueber^ legte man es denkend, so waren die Propheten, an ihrer Spitze Moses, Gestalten, die irgendwann in der Vergangenheit durch Gott der Offenbarung gewürdigt worden waren. Aber die die Seelen durchflutende Kraft, der Glaube des Herzens, haftet nicht an historischen Reminiszenzen, mögen sie auch die erstaunlichsten Dinge entfalten, sondern an einem gegenwärtig als gültig erfahrenen, an einem geistigen Gehalt, der in diesem Augenblick Willen und Gemüt bewegt. Sachlich hat Maimuni mit der Aufstellung der die positive jüdische Gläubigkeit begründeten Sätze gewiß Recht, und in der Auszeichnung der eben besprochenen trifft er das Charakteristische der Frömmigkeit seines Volkes auch unmittelbarer als mit denen, welche den Lehrgehalt des abstrakten Monotheismus dartun. Aber gerade bei diesen die Grundsätzlichkeit des biblischen Offenbarungsglaubens ausdrückenden Sätzen tritt der praktisch geschichtliche Sinn des jüdischen Religionsbewußtseins ans Licht. . Die ethischen, sozialen, rechtlichen Gebote, das Zeremoniell, die Symbolik, der Brauch altererbter Gottes- Verehrung, alles das, was sich fordernd an den Menschen wendet, dessen Verbindlichkeit durch die Tatbewährung seit undenklichen Zeiten anerkannt ist, das wird von der Volksseele, in die es eingeschmolzen ist, als das Wesen der Religion und als die Eigenbedeutung des Lebens überhaupt empfunden. Nirgendwo ist der Primat des Praktischen so wenig ein frommer Wunsch geblieben als im jüdischen Bereich. Nicht ganz so durchsichtig ist das Verhältnis von theoretischem und praktischem Einschlag bei der dritten Gruppe der von Maimuni aufgestellten Dogmen. Sie handeln von der allgemeinen Beziehung, die zwischen Gott und der Schöpfung gestiftet ist, von der Vorsehung und Vergeltung und schließlich von den eschatologischen Lehren, die das Erscheinen des Messias und die Auferstehung der Toten zum Inhalt haben. Maimunis eigene Stellung zu der phantastischen Ausmalung des zukünftigen Lebens ist lehrreich und bezeichnend für die Art der Geltung, welche diese Bilder in seinem eigenen Geiste besaßen. Was er im Kommentar zu Mischna Sanhedrin X, 1 dazu sagt, zeigt jedenfalls, wie weit entfernt er davon ist, in diesen krausen, sich vielfältig widersprechenden Vorstellungen diejenige Klarheit zu finden, die dem Inhalt eines wesentlichen Glaubenssatzes zukommen müßte. Er sieht darin, wie aus seiner vorsichtigen Darlegung sich ergibt, nichts als symbolische Umschreibungen, als sinnbildliche Formen, in die das echte Denken einfüllexx kann, was vernünftige Forschung gut heißt. Von dieser Erlaubnis macht ja auch später seine Unsterblichkeitslehre reichlich Gebrauch. Indem sie den Bestand der menschlichen Seele nach dem Tode von dem Grade der zu Lebzeiten erworbenen Durchdringung mit dem tätigen Intellekt abhängig macht, wird der unsterbliche Geist des persönlichen Bewußtseins beraubt. Er verschmilzt mit der überindividuellen Vernunft. So bleibt es im Grunde belanglos, daß die Unsterblichkeit ־das Vorrecht der erlesenen Weisen ist. Ebenso erscheint durch diese