Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2829921-2829923-2848558--45574-2848629- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
38 Talmud hinsichtlich des metaphysischen Charakters des jüdischen Gottes offen ließ, sich eine mit der Religiosität jener wohl vereinbare, aber keineswegs von ihr geforderte Spekulation einschob. Das gilt aber nicht bloß für den Hauptsatz des Monotheismus in seiner abstrakten Gestalt, sondern ebenso für die anderen Bekenntnissätze der jüdischen Religion. Denn halten wir uns weiter an die Glaubensa rtikel des Maimonides, und fassen wir ihre zweite Gruppe ins Auge; es sind das die Dogmen, welche die Offenbarung durch die Propheten, die überragende Gestalt des Moses unter den Gottesmännern, die göttliche Mitteilung der Thora und deren Unveränderlichkeit und unwandelbare Gültigkeit aussagen. Sie sind der Niederschlag dessen, was Israel als das Herz , seines historischen Erlebens dünkte. Aber welcher Art war dieses Erleben prophetischer Gottesoffenbarung und insbesondere der angenommenen unvergleichlichen Gottesnähe Moses? War es ein -Nachempfinden, ein Einfühlen der Seele in die Verzücktheit jener Visionäre oder ein Reflex der Erleuchtung, von der man jene durchglutet glaubte? Nichts von alledem. Maimunis Prophetenlehre zwar sucht den Zusammenhang des Bewußtseins des prophetischen Menschen mit dem Gottesgeist auf gewisse psychologische Bedingungen des allgemein-, menschlichen Intellekts und metaphysische Annahmen der von Gott emanierenden tätigen Vernunft zu gründen. Und indem er den seelischen Zustand des nicht erleuchteten Weisen hinsichtlich seiner intellektuellen und moralischen Anlagen und Leistungen als die Voraussetzung für das Ergriffenwerden durch die Gottheit erklärt, richtet er gleichsam in der irdischen Sphäre einen Pfeiler für die Brücke auf, die ins Absolute führt. Und das scheint ihm sicherlich der Weg, auf dem am äußersten Ende des Diesseitsbereichs ein Geist wie Aristoteles oder vielleicht gar er selber steht. Man könnte dies als einen mystischen Standpunkt mit den Mitteln rationalen Intellekts auf fassen. Aber Maimuni darf gerade‘hier schwerlich als der Ausdruck des jüdischen Gemeingeistes gelten; denn er behält ja jenen Vorzugsrang ausdrücklich einigen wenigen auserlesenen Weisen vor. Selbst in seinem Sinne bedeutet der Glaube an die Göttlichkeit der Prophetie nicht einen inwendigen Zustand, dessen man durch eine Art imitatio prophetarum innewerden, oder den man sich so auch nur verdeutlichen könnte; sondern es ist die schlichte Annahme der durch glaubwürdige Ueberlieferung gesicherten Tatsache, daß zu einer bestimmten Zeit solche Offenbarungen stattgefunden haben. Was aber ist der lebendige Beweis der Zuverlässigkeit dieser Traditionskette? Das ist für ihn und für alle Juden, denen das religiöse Gesetz die Atmosphäre des Daseins ist, der neunte Glaubensartikel, die unwandelbare Gültigkeit der Thora. Die unmittelbar gegenwärtige Ueberlieferung des religiösen Lebens, die gewissenhafte, vor keiner Schwierigkeit zurückschreckende Treue, die man der eigenen Geschichte weihte, die tiefste Verwurzelung mit den moralischen und rituellen Anschauungen und Forderungen des biblischen Gesetzes, die seit unvordenklichen Zeiten zur Selbstverständlichkeit des jüdischen Daseins geworden waren, das heißt aber ,zugleich das Gefühl Ser Einheit mit dem Körper des jüdischen Stammes, der sein Dasein