Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 10)
- Language
- German
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36 Erlebnis der jüdischen-Seele 2000 Jahre hindurch gewesen ist, hät die religiöse Weihe darin gefunden, daß der jüdische Stamm gerade in seiner Beengtheit sich nach wie vor als einziger wahrhafter Verehrendes einen Gottes betrachtete. Auch jetzt ist das monotheistische Bewußtsein seinem erlebnismäßigen Ursprünge in keiner Weise entfremdet. Im Gegenteil, neue Quellen der Empfindung haben sich erschlossen. An die Stelle naiver Volkstümlichkeit und unbefangener Hingebung an den in klarer Offenbarung erschienenen einzigen Gott, der in den kanonisierten heiligen Schriften webte, war das Leben unter dem Gesetz getreten. Aber die Sicherheit und unbeirrbare Treue, die ihm geweiht waren, die Selbstverständlichkeit, mit der man es übte, erzeugten ein neues Fundament des Daseins, das in dem unwandelbaren Willen Gottes empfunden ward. Die Religionsphilosophie wollte das Dasein Gottes beweisen, den richtigen Sinn seiner Einzigkeit und Einigkeit klarstellen, die Kenntnis seines Wesens in den Menschen gesetzten Grenzen reinigen, alles das ist spekulative Dogmatik, Theorie, lehrbare Welterklärung. Diese Bestrebungen haben ihren guten Sinn auf dem Schauplatz der Ge- . dankenkämpfe, auf dem jüdischer Glaube mit islamischer oder christlicher Lehre um Anerkennung oder Verteidigung seiner Wahrheit rang. Aber diese Philosophie hatte sich von dem Judentum als geistig körperlicher Gemeinschaft von Fleisch und Blut doch weit mehr abgelöst, als zumal die christliche Spekulation von dem leibhaftigen Christentum.. Nicht bloß die Geschichte der jüdischen Scholastik zeigt dieses. Sie tauchte auf, befruchtet von arabischislamischem Geist, entfaltete Jahrhunderte hindurch, immer unter dem Einfluß fremder Gedanken stehend, ihre kühnen Konstruktionen, um dann wieder zu erlöschen. Sie war eine vorübergehende Erscheinung, die Frucht besonderer Schicksale, einer eigentümlichen -historischen Konstellation/mit deren Auflösung sie selbst verschwand. Wohl nährte sie sich von der Substanz jüdischen Geistes, aber sie ging in diese Substanz nicht ein, sie selber dauernd, mehrend oder vertiefend. Nirgends zeigt sich das deutlicher, als bei dem uns hier beschäftigenden Dogma vom Monotheismus. Welch breiten Raum nimmt die. Attributenlehre von Saadia. bis Maimuiii ein, die wissenschaftliche Bemühung, die Einheit des göttliehen Seins und seine Unvergleichbarkeit in Ansehung alles Kreatürliehen, sicherzustellen. Daß die methodischen Werkzeuge für diese begriffliche Arbeit dem griechischen Denken und der arabischen Scholastik entlehnt sind, mag hingehen. Aber die ungeheure Energie der spekulativen Leistung, die einseitige Wertung, ja Uebersehätzung, welche die metaphysische Gottesiehre als Erkenntnis des Uebersinnlichen im Ganzen der Religiosität des Maimuni einnimmt, ist aus dem Wesen der inder Geschichte sich ausbreitenden jüdischen Frömmigkeit keinesfalls erklärlich. Die biblische Hauptquelle der ganzen Attributenlehre ist der schlichte Satz ,,Höre Israel, Jhw ist unser Gott, Jhw ist einzig". Er hat viele Jahrhunderte dem Judentum als Bekenntnis gedient. Das letzte Gebet des sterbenden Menschen klingt in ihm aus, der Todesseufzer des Märtyrers stößt ihn hervor. Es ist das Wort, das wie kein anderes den Stimmungsgehalt d.er jüdischen Gottesergebenheib offenbart. Aber es birgt nichts in