Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829921-2829923-2848558--45571-2848626- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
35 Zorn über ein sorgloses naives nationales Hochgefühl aus, das die Siegesfreude erzeugt hat (Am 32; 518) und Hosea warnt ,,Freue dich nicht, Israel, laut nach der Weise der Völker; denn treulos hast du deinen Gott verlassen“ (Hos 9t). In beiden Fällen ist bei der Menge keine Spur von einem Bewußtsein des Unterschiedes, der Israel von den Heiden trennt; beidemal sucht ein Prophet es zu wecken. ..In demselben ־— prophetischen — Sinne preisen die Bileamsprüche Israel als den Stamm, der einsam wohnend sich zu den Heiden nicht rechnet. Sicherlich glaubt die Menge: Ein festes Band schließt sich um Gott und sein Volk. Beide gehören eng zusammen, und Jhw vermag durch nichts von den Sein igen getrennt zu werden. Mag die spekulierende Phantasie diesen Gott als den mächtigsten malen, als den einzigen erfassen — denn er hat ja die Welt geschaffen und alles, was sie füllt, Israel und alle Nationen: er könnte Gott für a 11 e. s e i n. In Wirklichkeit aber, im tatsächlichen Erfühlt- und Erlebtwerden bleibt er Gott für Israel allein. Nichts liegt der prophetischen Religiosität ferner, als zwischen Israel und dem ganz deutlich als Weltengott empfundenen Jhw eine bloß gedankenhafte Beziehung herzustellen. Mögen die Propheten hundertmal mit dem Sturz, mit der Vernichtung der sündigen, untreu gewordenen Nation drohen, mag Jhw als Rächer seiner Ehre seine Augen vor der Frevlerbrut verschließen wollen, der Grund- Charakter des religiösen Bewußtseins, auch des prophetischen Israel bleibt immer das Gefühl der Zusammengehörigkeit, die Empfindung unbedingten Getragenwerdens dieses einen einzigartigen Volkes durch den einen Gott. Das ist der Sinn des biblischen Monotheismus. Im Ursprung wie auf der Höhe seiner Entfaltung, in Geistern wie Arnos oder Hosea oder Jesajas I und II liegt ihm jegliche Reflexion, jede spekulative Konstruktion in Riehtung auf eine Lehre völlig fern. Hier ist nicht das erste die Weltanschauung eines ethischen Monotheismus, deren Wahrheit erkannt, und an der die Glut des Gefühles sich entzündet hätte, wie etwa im christlichen Erlösungsglauben, wo die göttliche Zurüstung in dem Christus das Werkzeug der Gnade schafft und am Besitz des Erlösers dem Menschen erst die ganze Empfindung seiner Erlösungsbedürftigkeit.aufflammt, sondern es ist eine ursprüngliche nicht abgeleitete Beziehung zu dem einzigen Gott vorhanden. Man ist ihrer von Anfang an so sicher und gewiß, wie des Lebens im eigenen Volke. An diesem Tatbestand ändert die Zerstörung der staatlichen Selbständigkeit, der nationalen Existenzgrundlage, die Auflösung der in Jerusalem konzentrierten Theokratie gar nichts. Die tälmudischrabbinische Periode des Judentums zeigt grundsätzlich das gleiche Gottesbewußtsein wie die prophetische. Es tritt sicherlich eine gewisse Versteifung des national-religiösen Selbstgefühls ein, eine Fremdempfindung gegenüber den Völkern, die Wahrnehmung von Druck und Verfolgung, denen der jüdische Stamm infolge seines nicht zu tötenden Willens zum Leben und zum eigenen Wesen allenthalben begegnete; die immer weiter fortschreitende Ausbildung und Kanonisierung frommer Volkssitte zum gottbefohlenen Gesetz haben einen hohen Wall um die Judenheit gezogen. Diese Vereinsamung und Abschnürung von der Welt draußen, welche das grundlegende 3*