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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 1 · p. Seite 33

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1924-01-01
Page
Seite 33 (sequence 7)
Language
German
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33 der Erde ist, würdest du einen anderen Gott verehren als deinen, der ein eitervoller Gott ist, ein eifersüchtiger, der sich einen Abzug von der ihm allein'gebührenden Verehrung nicht gefallen läßt, son~ dem die Schuld der Väter an den Kindern ahndet. Das Dogma von ,der göttlichen Einheit wird also in der Thora selber nicht in der Form einer Glaubenslehre eingeführt, sondern ganz entsprechend ihrem ׳lebensgesetzlichen Geist als eine an den Israeliten gerichtete Forderung, den Gott, der für ihn der einzige sein muß, allein anzubeten. Die Herauskristallisierung einer jüdischen Dogmenlehre aus den biblischen und talmudischen Schriften ist in unserer Geschichte zweimal versucht worden. Die mittelalterliche Religionsphilosophie hatte zu ihrem ausgesprochenen Zweck die Rationalisierung des religiösen Gehalts in seinem ganzen Umfange, wollte also die Gründe, die den göttlichen Gesetzgeber bei der Aufstellung des Religionsgesetzes geleitet, der menschlichen Vernunft, soweit wie angängig, ebenso durchsichtig machen, wie sie die Lehren der Offenbarung vom Dasein und Wesen der Gottheit, der Schöpfung* und dem Sinne der Welt als mit natürlicher Einsicht vereinbar zu erklären strebte. Aber ihr spekulativ theoretischer Charakter führte sie auf ihrem Höhepunkte, der aristotelischen Periode, doch mehr und mehr dazu, ihr Hauptinteresse auf die Lehre von Gott und sein Verhältnis zu Menschen und Welt zu begrenzen. Wenn darum eine ausgeführte Dogmatik nicht recht zustande kam, so trug darall weniger die allgemeine Disposition des damaligen jüdischen Geistes, die ihm eigentümliche Haltung gegenüber den religiösen Problemen, die Schuld, die zumindest bei den jüdischen Aristotelikerri sehr wohl im Sinne einer Dogmatisierung wirken konnten, als vielmehr der äußere Umstand, daß der jüdischen Gemeinde jene kirchliche Organisation fehlte, als deren Regel und Satzung allein eine religiöse Dogmatik zu vollständiger Ausführung gelangen kann. Der zweite Versuch einer jüdischen Theologie wurde im 19. Jahrhundert gemacht, als in Mittel- und Westeuropa die bürgerliche und politische Emanzipation durchgegriffen hatte und ein religiöser Liberalismus es unternahm, aus dem Judentum eine Glaubensgemeinschaft im Sinne einer bloßen Konfession herauszudestillieren. Nun trat in ganz ähnlicher Weise wie 800 . Jahre vorher das theoretisch Weltanschauliche in den Vordergrund. Von Moses Mendelssohn bis auf Hermann Cohen versuchte man die Ablösung eines Lehrgehaltes von der konkreten körperhaften Basis der jüdischen Gemeinschaft; die Religion des Judentums wurde auf die absolute Erkenntnis der Philosophie bezogen. Man verglich sie mit der Kantischen Ethik und w7ar seltsamerweise stolz darauf, wenn sie beinahe so rein, fast so klar und objektiv einsichtig erschien wie die Moral des kategorischen Imperativs. Man pries den unmythologischen, reingeistigen Charakter des jüdischen Monotheismus, griff den messianischen Gedanken der prophetischen Schriften auf und deutete ihn in den symbolischen Ausdruck des unendlichen Fortschrittes der Menschengeschichte um; dem Pessimismus, der als Voraussetzung der christlichen Erlösungslehre zugrunde liegt, glaubte man so den optimistischen Charakter jüdischer Religiosität entgegenhalten, der Gebundenheit der durch die Erbsünde disponierten Seele die Freiheit Monatsschrift, 6 . Jahrgang 3

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