Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829921-2829923-2848558--45568-2848623- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
32 liehen Willen an. Darin läge an sich die Möglichkeit; daß der Gesetzgeber eine. Abrogierung oder Umgestaltung zugestehen könnte; Wenn aber tatsächlich für Thora und Talmud und für das an ihnen orientierte religiöse Bewußtsein praktisch die Unverbrüchlichkeit des ganzen Gesetzes, trotz der theoretischen Erwägung seiner einstmaligen Ueberwindung im messianischen Zeitalter, gleich einem Axiom gilt — so drückt sich darin nur der eminent aktive, auf Wirksamkeit und Bewähru n g ausgehende Charakter der jüdischen Frömmigkeit aus. Wie eine Verabsolutierung der Forderung gottgewollten Wesens erscheint dieser Gedanke von der wandellosen Giltigkeit des Gesetzes; denn man darf nie vergessen, daß jedwede rituelle und zeremonielle Vorschrift nur als Glied eines Lebenssystems verstanden werden kann, das in seiner Totalität die Versittlichung, die Heiligung des jüdischen Menschen zum Ziele hat.. Hier heißt es wirklich: Am Anfang war die Tat. Aber auch das Ziel geht nur auf Bewährung. Es ist interessant zu sehen, wie selbst ein kontemplativer Theoretiker wie Maimuni, dem im Herzensgründe die Idee über die Tat geht, sich dieser Grundeinstellung des jüdischen Geistes nicht zu erwehren vermag, indem er die Beziehung auf den eigentlichen Glaubensgehalt in die Form fordernder Pflicht gießt. In den Hilchoth jessode hattora wird dem Israeliten aufgegeben, sich dasjenige Wissen zu erwerben, auf dessen Grundlage die vernünftige Erfüllung des göttlichen Gebots aufgebaut ist. Nicht werden da als theoretische Voraussetzungen, als anzunehmende Glaubenssätze die Lehren über die Existenz Gottes und seine Wesenheit, über Weltschöpfung und Vorsehung hingestellt; sondern mit Vorbedacht wird die Formel der halachischen Vorschrift gewählt. ,,Die Erkenntnis dieses Gegen- Standes — sc. der Existenz Gottes und der Leitung der Welt durch ihn — ist ein Gebot (mizwath asse), dehn es heißt: ,Ich der Ewige, bin Dein Gott'. Und wer sich's in den Sinn kommen läßt, daß noch ein anderes göttliches Wesen existiert, Übertritt ein Verbot, denn es heißt: ,Du sollst keine anderen Götter haben vor meinem Angesichte' (I, 6)/' Obwohl mit dieser Formel natürlich nichts anderes ausgedrückt ist als eine grundlegende Lehre, ist es für den praktischen Charakter der Religion doch bezeichnend, daß sie sich in den halachischen Ausdruck kleidet. Noch augenfälliger als in Maimunis halachischer Gestaltung liegt die Sache in der ursprünglichen Stelle des Dekalogs selber. Monotheismus — so hat ein theoretisch, weltanschaulich orientierter Geist als selbstverständlich angenommen — ist eine lehrbare, womöglich gar beweisbare Wahrheit, ein Satz des Glaubens, wenn wir sie auf die Offenbarungsquelle zurückleiten, ein Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis, wenn wir die von selbst einleuchtende, aber durch Demonstration aufzuhellende Gewissheit in den” Blickpunkt stellen. Aber die Art, wie diese lehrhafte Wahrheit auftritt, ist sonderbarer Weise eine Vorschrift, kein Streit über Theorieen, sondern nichts anderes, als die praktische Nutzanwendung einer Lehre. ,,Du sollst dir kein Bildnis machen und keinerlei Gestalt." Denn — so ist vorauszusetzen •— wenn du dir zur Anbetung ein Bildnis machtest, etwa von dem, was im Himmel oben oder auf Erden unten oder im Wasser unter