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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 1 · p. Seite 31

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1924-01-01
Page
Seite 31 (sequence 5)
Language
German
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31 Gott und Mensch. Die Gewöhnung-zur Tat, die Erziehung zu den religiös geweihten Handlungen, sinnbildlichen Bräuchen und Riten überträgt sich von Geschlecht zu Geschlecht in der Konkretheit des gelebten Daseins. Dieses ist für das unmittelbare Bewußtsein das Primäre, und die Begründung durch ideelle Tatsachen und geschichtliche Erfahrungen des jüdischen Volkes erscheint wie der Hintergrund, auf den jenes, um sinnvoll zu sein, sich wohl bezieht, der aber an Bedeutung hinter der Aktualität der praktischen Bewähr rung immer zurückbleibt. Man erinnere sich z. B. der Szene aus der Pessachhaggada, da der Hausvater den vier verschiedenen Fragesteilem zu begegnen hat. Ueberall bildet die sichtbar in die Erscheinung tretende Symbolik des Sederabends den Ausgangspunkt, den Dienst, den der Jude Gott zu weihen hat, der natürlich in der Tatsache der Befreiung aus Aegypten und in den sich daran anknüpfenden göttlichen Vorschriften seine Motivierung findet, der aber durchaus mit allen seinen Details hier wie anderwärts auf das peinlichste und pünktlichste geübt werden muß, wenn er gütig sein und wohlgefällig" von Gott aufgenommen werden soll. Das Zeremonialgesetz spricht es fast ausnahmslos selber aus׳, daß es als symbolische Hindeutung auf religiöse Wahrheiten und auf entscheidende Momente in der Geschichte des Gottesvolkes verstanden sein will. Gleichwohl gestattet es keine Abschwächung und keinen Ersatz. Ausdrücklich will es immer nur Mittel, niemals Selbstr zweck sein. Nie erfüllt es an sich einen Heilszweck, eine sakramentale Funktion. Nirgendwo sind in Beziehung auf die oft doch recht verwickelten Riten und Zeremonien Rudimente von Magie, von Tabuglauben im jüdischen Gemüt lebendig geblieben, wie sonst in allen anderen Religionen. Wenn der . Talmud auf die messianischen Tage ausblickt, erörtert er die Möglichkeit, daß dermaleinst diese Be- Stimmungen außer Kraft gesetzt werden könnten, offenbar da ihr Sinn, die Veredelung und Versittlichung der Menschen, dann erreicht sein wird. Und gewiß ist es, daß eine Fülle von Vorschriften, die* den ,,Zaun um das Gesetz“ bilden, ihre Prägung lediglich der Erwägung danken, daß die Erhaltung der in alle Winde verstreuten Glieder des Gottes Volkes nur durchführbar sein könnte, wenn das Bewußtsein des Unterschiedes, der Abhebung von den ringsum Lebenden in jedem Moment wach blieb. Es sind also Gesichtspunkte genug vorhanden, die da zeigen, daß mit dem Gesetz durchaus‘ kein abstrakter Götzendienst getrieben wurde. Aber gehalten mußte es werden, und es wurde gehalten; denn das Gebot als solches galt bis in seine Verästelungen hinein als Ausfluß der Offenbarung, die bestehen blieb, auch wenn die Gründe für die Bestimmungen offenkundig waren und ihre klar ausgesprochenen Zwecke sich vielleicht auch auf anderem Wege hätten erreichen lassen. Die Riten des Pessach- oder Laubhüttenfestes, welche an die wunderbaren Erlebnisse des Volkes bei seiner Erlösung aus der ägyptischen Knechtschaft oder bei der Wüstenwanderung erinnern wollen, die Satzungen über Schaufäden und Tephilln, die ganz allgemein den menschlichen Sinn auf Gott und sein Gesetz richten, die Speisevorschriften, die das Bewußtsein der Heiligung, der Abgesondertheit Israels rege halten möchten, geben überall ein Motiv für ihre Geltung nach dem gött-

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