Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 29 (sequence 3)
- Language
- German
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29 sicht wirkungskräftigste Glaubensstück jeder Religion, die eschatologischen Verheißungen, seinem Ideal vom höchsten Gute zu liebe so umdeutet, daß von seinem eigentlich und offenkundig gemeinten Sinn kaum noch etwas übrigbleibt, und diese Umbiegung, ja Wegdeutung mit der selbstverständlich rein erziehlichen Absicht dieser Schrift- und Talmudstellen rechtfertigt. Denn so lange die Religion eine Anweisung zum glückseligen Leben bleibt, werden die Blicke der Menschen immer auf das Schicksal hingekehrt sein, zu dem sie der Wandel in den Wegen Gottes bringen soll. Man muß sich also in der Tiefe der Differenz halten, die sich an diesem Punkte zwischen Judentum und Christentum auf getan hat. Die aber besteht in der Scheidung hinsichtlich der Handlung des Menschen überhaupt. Das Gesetz ist Gesetz für den handelnden Menschen, und das Maß der Bedeutung, welche es im Charakter der jüdischen Frömmigkeit empfangen hat, spiegelt nur die Bedeutung wieder, welche der tätigen Bewährung in ihr zukommt. Wenn es bisweilen so aussieht, als ob das Studium der Thora, dem die nimmermüde Empfehlung des ganzen talmudsschen Schrifttums gilt, fast als wichtiger angesehen wird als ihre Betätigung, so wird im entscheidenden Moment dieses Urteil doch immer wieder zurückgenommen oder doch dahin präzisiert, daß alle Bemühung um die Lehre immer nur als die unumgängliche Bedingung der von Gott geforderten Praxis zu gelten habe. Mehr heißt schließlich auch der Satz nicht, daß. der Ungebildete nicht fromm sein kann. Die Behauptung, daß das Thorastudium jede andere Betätigung aufwiege, ist gewiß dem rabbinischen Judentum aus dem Herzen gesprochen. Man braucht sie aber nicht als ein persönliches Bekenntnis der Träger jener Gelehrsamkeit aufzufassen, sondern darf in ihr besser den Aiisdruck der psychologischen Tatsache sehen, daß die Menschen, denen das Leben unter dem Gesetz zur Selbstverständlichkeit geworden war, von der man gar nicht mehr zu reden brauchte, umso dringe licher auf seine V orausset zu n g e n , nämlich die Kenntnis und die Verankerung der Thora im Geiste hingelenkt werden sollten. Die Seligkeit der Theorie, der Primat der Erkenntnis vor der Betätigung sind dem mittelalterlichen Judentum nicht fremd geblieben. Wo sie aber in ihrer reinsten Ausprägung Vorkommen, bei Maimuni, da tritt deutlich ans Licht, daß etwas anderes als die talmudische Hoch-, ja Ueberschätzung des Studiums diese Gesinnung erzeugt hat. Der Einstrom von Aristotelismus und Neuplatonismus, die Vorliebe für die Kontemplation, die sich in der Idee des in der Selbstbeschauung höchste Seligkeit genießenden Gottes ihr Ideal aufgebaut, hat da ein Abgleiten von der eigentlich jüdischen Grundlage bewirkt. Wenn wir diese mit der aus der griechischen Weisheit fließenden kontemplativen Religiosität vergleichen, so springt die genaue Umkehr von Mittel und Zweck, die zwischen beiden besteht, ins Auge. Die Ueberordnung der dianoetischen über die ethischen Tugenden, die M. dem Aristoteles nachmacht, erklärt die Vervollkommnung in den moralisch praktischen Forderungen als die Basis, über der erst das höhere, wahrhaft Gott zugewahdte Leben des Menschen sich aufrichten kann. Sie ist notwendig im Sinne einer conditio sine qua non. Die talmudische Bewertung: ,,Studium