Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 2)
- Language
- German
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28 nicht bloß nicht bewiesen zu werden, es kann nicht einmal eine Demonstration , vertragen. Und die Tatsache der Thora wurde von der jüdischen Gemeinde als etwas Derartiges empfunden; denn sie war zum Leben geworden. Der hervorragend praktische Charakter der Lehre erklärt diese Einschmiegung in das Gemüt. Thora ist Gesetz, Regel für das. Verhalten in der Wirklichkeit des Menschen. Wir glauben uns darum auch nicht denjenigen jüdischen Beurteilen! anschließen zu sollen,, welche unter dem Einfluß von außen kommender Polemik gegen die Charakterisierung der Thora als eines Gesetzes sich meinen verwahren zu sollen. Denn eine Lehre, in der alles darauf abzielt, den Willen gefangen zu nehmen und ihn den durch sie" ausgesprochenen sittlichen und rechtlichen Normen zu unterwerfen, kann füglich, nicht anders heißen als Gesetz. Dieser christliche Kampf gegen das Gesetz erfolgt auf Grund der paulinischen Nivellierung von Ritus und Sittlichkeit. Das Judentum kennt diese Vereinerleiung nicht: Als Ziel ist Gesetz ihm immer das sittliche Gebot. Darin liegt doch gerade die Stärke der jüdischen Position. Uns beschäftigt hier nicht der Inhalt des Gesetzes — insbesondere nicht diese Zweiseitigkeit von Ritus und Ethos ‘— als vielmehr die Natur der Gesetzlichkeit selber, als eine wesentliche Seite der jüdischen Frömmigkeit. Der christliche, zumal protestantische Kampf gegen sie hat seine eigentliche Quelle in der .Grundanschauung des Evangeliums von der Gnade. Diese bedeutet, daß an die Stelle des Sollens das Sein oder Müssen gesetzt wird. Der von der Gnade Gottes ergriffene Mensch empfängt einen neuen Charakter, kraft dessen das׳ Prinzip der Liebe unmittelbar wie eine Naturgewalt aus ihm wirkt,. Den Gegensatz dazu bildet die imperativische Ethik. Wo sie einen unablässigen Kampf, ein stets erneutes Ringen des Menschen um die sittlichen Ideale verlangt, seine Zerrissenheit, seinen ewig mög~ liehen Rückfall in die Sünde in Anschlag bringt, und als Heilmittel dagegen unermüdliche Wachsamkeit, immer bereite Rüstung empfiehlt, wo sie eine Stärkung des auf das Gute gerichteten Willensdurch stetes Streben nach dem Guten zwar anerkennt, aber in diesem nie endenden Krieg die eigentliche Form des sittlichen Lebens sieht,, das niemals zur Frucht der Gewohnheit werden kann, sondern immer aufs neue erobert und gesichert werden muß, da betrachtet ,die Gnadenlehre den neuen Adam als den ein für allemal sprudelnden Quell der ethischen Bewährung. Wer im Stande der Gnade ist, der lebt das neue Leben von Gottes Gnaden. Gegen die Polemik, welche die Reinheit der jüdischen Gesetzlichkeit durch den Hinweis auf lohnsüchtige Gesinnung zu verdächtigen sucht, ist eine durchschlagende Verteidigung wenigstens im Prinzip leicht möglich. Der; Satz des Antigonus von Socho (Aboth I, 3), daß nicht die Aussicht auf Gewinn, sondern die Ehrfurcht vor dem Himmel den wahren. Diener Gottes erfüllen soll, die Mahnung (Siphre, Ekew Nr. 41) ״alles was ihr tut, •sollt ihr nur aus Liebe tun“ haben zahlreiche Parallelen,. Nichts aber hindert ernstlich, die gewiß nicht minder häufigen Hinweise auf die mit der gerechten Weltordnung gegebene Vergeltung als pädagogische Hilfsmittel zu erklären. Man braucht dabei gar nicht einmal so weit zu gehen wie Maimuni, der das in dieser Hin-