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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1924-01-01 · Heft 1 · p. Seite 27

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
68 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma
Date
1924-01-01
Page
Seite 27 (sequence 1)
Language
German
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27 Jüdische Frömmigkeit und religiöses Dogma. Von M. Wiener in Stettin. (Schluß) So schreiten wir auf dem Wege konkreter Seelenhaftigkeit, wirklich lebender frommer Empfindung, um die tatsächlic he, nicht stilisierte Stellung des Judentums zur Menschheitsidee zu finden. Damit haben wir den echten Sinn des jüdischen Monotheismus umschrieben, und an diesem einen, aber wichtigsten Beispiel klargestellt, worin der Gegensatz zwischen der hier angewendeten Beschreibung und der Methode, der rationalen Theologie, die man als dogmatische Auffassung bezeichnen kann, besteht. Diese besitzt ihren wichtigsten und auch historisch am wirksamsten gewordenen Vertreter in Maimonides. Seine Religionslehre, die ihren schärfsten Ausdruck in den knappen Formeln der dreizehn Glaubensartikel gefunden hat, dient stärker dem Bedürfnis philosophischer Systematisierung als der Selbstbezeugung des eigentlich religiösen Geistes. Indem die Fundamente der Religion, die Gotteslehre, aus der reinen Vernunft abgeleitet, dieser rationalen Theologie dann die spezifisch jüdischen Lehren von Offenbarung, Prophetie und Thora beigeordnet werden, spiegelt das Ganze die Verschmelzung von metaphysischen mit irrational historischen Elementen wieder. Man empfängt den Gesamteindruck, daß in den allgemeinen Rahmen eines Vernunftglaubens die jüdischreligiösen Lehrsätze eingearbeitet werden, daß der Denker weniger seinen Ausgang vom jüdischen Standorte her nimmt, als daß er die Satzungen der philosophischen Religion biblisch-talmudischer Färbung geben will. So sicher damit die dreizehn Glaubensartikel die Ueberzeugung ihres Urhebers wiedergeben, so wenig können sie den Anspruch befriedigen, das religiöse Selbstbewußtsein des Judentums zu beurkunden, auch wenn man gegen ihren Inhalt nichts einziiwenden hätte.. Denn es springt aus diesem Punkte heraus, wie schwierig, ja wie verwirrend es ist, Lehrstücke der jüdischen Religion in die Form von Bekenntnissätzen zu gießen, deren Gehalt immer den Eindruck von etwas Fremdem, den Menschen von außen her Ergreifendem hat. Besonders tritt das in den Sätzen von der Thora zu Tage. Gewiß gelten sie der frommen Ueberzeugung als wahr, aber die Opposition gegen die Formulierung solcher Wahrheiten hat doch instinktiv das Rechte getroffen; denn sie empfand, daß die kühle Formulierung einer Wahrheit der Selbstverständlichkeit des unmittelbaren Lebens nicht gerecht werden kann. Von solcher Selbstverständlichkeit gar nicht besonders zum Bewußtsein kommenden Daseins aber war für den Juden die Thora. Die gedankliche Charakteristik des Bekenntnisses des großen Systematikers in Ehren: die Tatsache der Thora war aber für das jüdische Gefühl eine Wirklichkeit von einer solch elementaren Kraft, der Glaube an ihren göttliehen Ursprung und an die Verbindlichkeit ihrer Satzungen so tief mit den Fasern der jüdischen Seele verwoben, daß es keinen rechten Sinn hatte, dieses Faktum in das Gewand eines Glaubenssatzes zu kleiden, der sich als eine Forderung vor den Gläubigen stellt. Was die Atmosphäre des alltäglichen Schaffens und Sorgens ist, braucht

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