Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 68 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Philipp Bloch
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 seiner Zuhörerschaft paßte sich die Eigenart der Blochschen Predigt durchaus an. Leidenschaftliche Glut lag weder in seinem Wesen noch in seiner Rede, dagegen stellte sich jede seiner Predigten als ein abgeschlossenes Kunstwerk dar, geeignet, die Seele der Hörer zu erbauen und ihren Geist anzuregen. Er hätte es als eine Entweihungseiner Kanzel betrachtet, sie unvorbereitet zu betreten. Alles war vorher sorgfältig erwogen. Die Gliederung trat klar hervor und prägte sich dem Gedächtnis leicht ein; Bis auf die Minute wär die Dauer jeder Predigt berechnet. Auch wußte er in jeder Predigt einen Hauptruhepunkt für die Phantasie zu geben, wobei er entweder eine Erzählung aus der heiligen Geschichte oder eine Legende oder auch Sprüche alter Weisheit mit den zugehörigen Erläuterungen oder eine Schilderung gottesdienstlicher Gebräuche im Jerusalemitischen Tempel einflocht. Besondere Vorzüge wiesen auch seine Kasualpredigten auf. Bei den Trauerreden brachte er eine der vorzüglichsten Gaben seines Geistes, Charaktere scharf zu sehen und plastisch darzustellen, mit Vorliebe zur Anwendung. Er schilderte die äußere Erscheinung des Verstorbenen, seine Eigenart, seine Verdienste um die Familie und die Oeffentlichkeit, so daß die Trauernden ein lebensvolles, ideal gesehenes Bild des Heimgegangenen vom Friedhof mit sich nahmen und daran ihren Trost fanden. Eine seiner glänzendsten Leistungen dieser Art war die Rede auf den Glogauer Rabbiner Rippner, den er als den ,Journalisten“ unter den deutsehen Rabbinern wirkungsvoll schilderte. .,,Er verstand es, in seinen Urteilen den Tadel in Lob zu kleiden,“ rühmte er ihm nach. Er hätte dasselbe von sich sagen können; denn in seinen Charakteristiken gab er überall der Wahrheit die Ehre trotz des verklärenden Schimmers, mit dem er den zu Ehrenden umkleidete. In seinen Traureden brachte er gern ehrenvolle Ereignisse aus der Familiengeschichtezur Darstellung. Eine besondere Freude aber bereitete er den Mitgliedern seiner Gemeinde, wenn er nach Ablegung seines geistlichen Gewandes am Abend im Hochzeitshause erschien und in einer Tischrede, in deren Improvisierung er ein unübertrefflicher Meister war, alle Strahlen seines Humors und seines Witzes erglänzen ließ. Wenn er dann in vorgerückter Stunde sich unter die Damen und Herren der Festversammlung mischte und durch seine zündende Unterhaltung und seine feinen Bemerkungen alles in Entzücken versetzte, dann erinnerte er wohl in seiner zierlichen schlanken Erscheinung und der vornehmen Grazie seines Geistes an einen französischen Abb6 aus der Rokokozeit, und die Frage ist unentschieden geblieben, ob der Rabbiner der Brüdergemeinde die Herzen und Geister von der Kanzel herab oder im Festsaal leichter an sich zog und fesselte.