Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1923)
- Article
- Die Lehre vom Heiligen Geist im Judentum und in den Evangelien
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 7)
- Language
- German
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32 ob die talmudische Meinung, daß eine Jungfrau beim Baden schwanger werden könne1, nicht auf den gleichen Volksglauben an die Schwängerung von Mädchen durch höhere Wesen zurückgeht, den wir bei vielen Völkern nachweisen können2; die rationalistische Auffassung des Talmud beweist für den ursprünglichen Sinn nicht mehr wie die heutige Verwendung des Storchmärchens durch törichte Eltern für die zugrundeliegende, sehr ernstgemeinte Volksvorstellung3 4. Setzt man also voraus, daß man in manchen jüdischen Volkskreisen den ״Geistern“ Zeugungskraft zuschrieb, und denkt man an den Doppelsinn von flVH als Geistwesen und als göttliche Kraft, so erscheint es nicht mehr als ganz unbegreiflich, daß Juden über den Umweg des Glaubens an einen zeugenden heiligen Geist schließlieh zur Annahme der Vorstellung vom Vatergott gelangten. So drang durch die Bresche, die der Geisterglaube geschlagen, uraltes Heidentum zwar nicht in das Judentum als Lehre, wohl aber in manche Kreise ein, denen es ernst mit der Religion ihrer Väter gewesen sein ,mag. ' Während nun aber Mtth. einfach da den Geist setzt, wo im Mythos Gott stand, zieht L k.i weitere Konsequenzen. :Zunächst überträgt er die Zeugung durch den Gottesgeist auch auf Johannes, den späteren Täufer, dann aber ist bei ihm ״die Atmo- :Sphäre von pneumatischen Erscheinungen und Wirkungen geradezu gesättigt. Wer mit Maria, solange sie das Jesuskind .trägt, oder später mit dem Kinde in Berührung kommt, der hat die Wirkung «des Geistes zu spüren. Als Maria die gleichfalls schwangere Mutter 1 Chagiga 15a; vgl. M. G u 11 m a n n מפתח התלמוד I 17. 2 Ueber Schwängerung durch einen, Flußgott vgl. F e h r 1 e , Die kultische Keuschheit im Altertum 1910, 10 und Scheftelowitz 202. Besonders beachtenswert ist die von Giemen , Religionsgeschichtliche Erklärung des N. T. 228, nach BÖklens Vorgang angeführte Sage von der Entstehung des persischen Heilands und seiner beiden Vorläufer. ״Danach wird der Same Zarathustras in einem See auf bewahrt, in dem je zu seiner Zeit ein junges Mädchen baden wird; so wird es schwanger werden und einen jener Drei gebären“. * Denn auch der Talmud führt a. a. O. die Schwanger- Schaft der Badenden auf das im Wasser zurückgebliebene semen virile — .allerdings eines gewöhnlichen Menschen — zurück. 3Dieterich, Mutter Erde 2 (1913) 18 f. 4 Auf die Fragen der höheren Kritik gehe ich absichtlich nicht ein. Daß 134 (״da ich von keinem Manne weiß“) in einen älteren Bericht einge- :schoben ist, der nur von pneumatischer Erfüllung, aber nicht von übernatürlieber Schwängerung der Maria wußte, ist eine sehr wahrscheinliche Vermutung, die aber unsere Frage nicht lost, sondern verschiebt, — die Frage, wieso ein Schriftsteller (Lukas oder wer sonst) eine solche Verbindung von Begeistung und Schwängerung möglich finden und auf seine Leser einen so liefen Eindruck machen konnte, wie es geschehen ist. *