Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1923)
- Article
- Zu Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
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22 Diese religions geschichtliche Entscheidung־ verlangt ihre Rechtfertigung nicht nur vor dem Forum der Geschichte, sondern auch vor dem Zeitbewußtsein'. Dieses aber steht allem religiösen und sittlichen Bewußtsein weithin ablehnend gegenüber. Insbesondere haben der moderne Staat und die moderne Wirtschaft im Kampf der Interessen und dem Kampf der Macht ganz andere Prinzipien des Lebens entwickelt. Diese wirtschaftliche und politische Lebensbewegung wird unterstützt und fördert ihrerseits im Bunde von Technik und Naturwissenschaft die naturwissenschaftliche Betrachtung nicht allein der Natur, sondern auch der Menschenwelt, die naturalistische Auflösung , des Ethos der Individuen und. des Staates, der Kunst, der Religion. Die Entwicklungslehre sucht mit ihren Prinzipien des Kampfes ums Dasein und des Kampfes um Macht auch die Geistesgeschichte in ideologische Spiegelungen dieser im Triebleben wurzelnden Prozesse aufzulösen und zu zersetzen. In Opposition zu dieser Anarchie des Geisteslebens der Gegenwart schließt sich T. dem Kantianismus als der wissenschaftlichen Kritik des Naturalismus an. In mehr und mehr erstarkender Eigenart aber hebt T. gegenüber dem positivistischen Neukantianismus die hinter der Erkenntnislehre Kants erkennbare Leibnizsche Metaphysik der Monadologie ins Bewußtsein. Geistige Substanzen in ihrem Zusammenhänge mit dem göttlichen Lebensgrunde und ihrer nicht mehr abgeschlossenen Isoliertheit, sondern lebendigen geistigen Bewegung liegen dem empirischen Zusammenhang der Natur und Geschichte zugrunde1. Bergson und Simmel üben auf T. starken Einfluß, und der Elan vital wird zum Lebensstrom, der auch die Individualitäten des geschichtlichen Lebens schaffend verbindet. Nicht nur die Personlichkeiten, auch die kulturellen Einheiten der Volksindividualitäten, der Kulturkreise werden zu Sinneinheiten, in denen, ein geistiges Leben in originalen Tendenzen um seine Entfaltung kämpft. Der Begriff der ,,historischen Entwicklung'c sichert die Eigenart der schöpfer i״s chen Entfaltung des Geisteslebens. Diese Tendenzen des Geisteslebens aber stehen mit den wirtschaftlich-politischen Kräften, den natürlichen und physiologischen Grundlagen des Geisteslebens im innigsten Zusammenhänge, ohne aus diesem ableitbar zu sein. Max Weber und Simmel schärfen den Blick für die Lebenseinheit des 1 e i b 11 a f ten und g e ist i g e 11 Lebens, für die leiblich-geistige Einheit der Individuen und Volks- Individualitäten, für die Individualität aller leiblich-geistigen Wirk- 1/Froeltsch: Die christliche Weltanschauung und ihre Gegen- Strömungen, Ges. Sehr., Bd. II.