Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1923)
- Article
- Zu Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
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21 werdende Organisation der urchristlichen Gemeinde führen zur Umbildung des Christentums durch Paulus, zum Glauben an Jesus als den Erlöser, zugleich zur folgenschweren Verknüpfung der Christuslehre mit dem griechischen Mysterienkult. Der Früh-Katholizismus schafft Dogma und Organisation der Kirche als der Heilsanstalt, in der das Werk der Erlösung verewigt wird. Die mittelalterliche Kirche stellt iri der Idee der Stufenfolge der irdischen und der überirdischen Lebensordnungen einen Zusammenhang zwischen irdischem und geistlichem Leben her, wie er der zur Leitung der jungen Völker berufenen abendländischen Kirche notwendig wurde. Der Protestantismus fordert geistliches Leben nicht allein von den Priestern und sucht Leben und Askese in der Forderung der allgemeinen innerweltlichen Askese zu vereinigen. Renaissance und Aufklärung führen zur ethischen Anerkennung des irdisch-kulturellen Lebens und deuten das Christentum im Sinne eines kulturfreudigen Deismus. Die Romantik verklärt das Christentum zur Religion der pantheistischen Identität von Gott und Menschennatur. Die Moderne treibt das Problem nach der Möglichkeit einer religiösen Ethik und deren Verhältnis zu einer die ethischen Güter der irdisch-staatlichen Kultur anerkennenden autonomen Ethik hervor. Die Geschichte des Christentums zeigt, daß seine Absolutheit nicht auf seiner Dogmatik, sondern auf der Anerkennung des prophetisch ־ christlichen Gottesgedankens, die nur auf dem Wege religionsgeschichtlicher Vergleichung und Entscheidung gewonnen werden kann, und auf der Anerkennung der — überirdische Persönlichkeitsziele anstrebenden — prophetisch-christlichen Ethik beruht. Darum lehnt T. die Herrmannsche Begründung des Christentums auf die allein im Christentum erfolgende Darbietung göttlicher Kräfte als Modernisierung der kirchlichen Dogmatik und ebenso seine Identifizierung der christlichen Ethik mit der Kantischen autonomen Ethik als ungeschichtliche Rationalis i e r u n g des Christentums ab. T. sieht die Absolutheit des Christentums nach Aufgabe aller christlichen Dogmatik in der Höhe seines Gottesbewußtseins, das allen Erdenrest nationalen Partikularismus überwunden hat. Die prophetisch-christliche Ethik der Vollendung der Persönlichkeit in der Gottesliebe behält ihren absoluten Wert als Forderung der Heiligung der Menschenseele über den relativen Wert weltlicher Sittlichkeit hinaus1. 1Troeltsch: Grundprobleme der Ethik, Ges. Sehr. Bd. II; Herrm ann: Ethik; A.Lewkowi.tz: Religionsphilosophie des Neukantianismus a. a. O.