Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1923)
- Article
- Zu Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
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20 4. Troeltsch. Ernst Troeltsch ist der Theologe, den sein Wahrheitssinn aus dem Bezirk theologischer Wissenschaft in die Weite kulturgeschichtlicher Einordnung und Würdigung des Christentums und hiermit zur philosophischen Durchdringung der mit dem Christentum gestellten ethischen und religionsphilosophischen' Probleme geführt hat.. So stellt sich Troeltsch auf den Boden religionsgeschichtlicher Forschung, der seit Lessing, Herder,.. Kant, Wellhausen, Jülicher, Harnack die wissenschaftliche Grundlage religionsgeschichtlicher Forschung ist. Die Wahrheit des Christentums liegt daher für Troeltsch nicht in der supranaturalen Dogmatik der Begründung des Christentums auf äußere Stiftungs- oder innere Bekehrungswunder, da die Wunderkausalität keine Kategorie wissenschaftlicher Forschüng ist. Aber auch eine Theorie, die im Christentum die metaphysische Evolution des ,,Wesens der Religion“ erblickt, überschreitet die empirische Historie durch die Fiktion metaphysischer Wesenskräfte, die, hinter den Erscheinungen wirksam, diese hervorbringen. Zudem pflegt jenes ״Wesen“ so definiert zu werden, daß es im Christentum sich zu verwirklichen, damit aber der Fülle und Eigenart der Religionen nicht gerecht zu werden vermag. So erkennt T. keine Definition des Christentums an, die nicht auf der Objektiv!- tat geschichtlicher Forschung ruht1. In seinem ,,Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen“ 2 schreitet T. von dieser methodischen Forderung zur Darstellung des Christentums fort. In Anerkennung der tiefen Wurzelung des Christentums dm religiösen und ethischen Gedankenkreis des Judentums arbeitet T. das Spezifische der Lehre Jesu heraus, sieht es in der eschatologischen Erwartung des kommenden Gottesr e i c h e s und der damit geforderten Herauslösung der Individuen aus allen irdischen Lebenskreisen in absoluter Hingäbe an Got t. Die in Gott sich findenden Seelen wissen sich in tiefster Liebesgemeinschaft unauflöslich .verknüpft. Die Bereitung der Herzen für Gott ist der an die Menschheit ergehende Ruf. So sind religiöser Individualismus und Uni versalism u s und Geringschätzung der beim Kommen des Gottesreiches ve rgehend e n irdisch-kulturellen Institutionen der Wesengehalt der Botschaft Jesu. Das Grübeln über den Sinn des Todes ihres Meisters, das Ausbleiben des erwarteten Gottesreiches und die hierdurch erforderlich 1 Troeltsc h: Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschickte, 1902. 2 Troeltsch: Ges. Schriften, Bd. I.