Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1923)
- Article
- Zu Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
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19 wie in der Spontaneität sittlichen Geistes erfaßt das jüdisch-religiöse Bewußtsein die Willensmacht Gottes, dessen Schöpferwille der Wirklichkeit Dasein gab. Zugleich aber bewahrt die Schöpfung ihre relative Selbständigkeit vor Gott, ist insbesondere das sittliche Bewußtsein und die sittliche Tat nicht das Erlösungswerk Gottes; sondern die freie Entfaltung, der Gott gegebenen Kraft zur Annäherung an die Heiligkeit Gottes. Gottes Allmacht und menschliche Freiheit sind die unaufhebbare Antinomie des jüdischreligiösen Bewußtseins. Dann aber ist das Kulturschaffen bei aller Unableitbarkeit aus der Umwelt doch tiefer und inniger mit diesem verschmolzen, als es Euckens Emanationsgedanke gestattet. Aus der Tiefe der Lebenskräfte, innig mit ihnen verbunden und sie doch formend und beherrschend, erhebt sich der sittliche Wille. So differenziert sich das Reich der Kultur je nach seinem geschichtlichen Standort und ist es die Aufgabe der Geschichte, diese Bedingtheit des schöpferischen Kulturlebens zu erfassen. Hier setzt die Weiterführung der Gedanken durch Troeltsch. ein. Ein Verdienst Euckens ist es, den Neu-Kantianismus zum Neu- Fichteanismus fortgebildet und hierdurch die Bedeutung des sittliehen und des religiösen Bewußtseins für das Wirklichkeit sbewußtsein geltend gemacht zu haben. In der reinen Anerkennung des Sittlichen nicht nur als Aufgabe, sondern als Tat der Freiheit ist der Persönlichkeit und der Selbständigkeit des Geisteslebens im individuellen Leben und Völkerleben Raum gegeben. Der mechanistische Entwicklungsbegriff ist dem Begriff ,,historischer Entwicklung“ als schöpferischer Entwicklung des Geisteslebens gewichen. Und in der Verankerung des Geisteslebens in Gott, hat Gott aufgehört, bloßer Systembegriff zu sein und ist als das Geistesleben tragender heiliger.Wille erkannt worden. Nun sind wieder Offenbarung, Gnade, Freiheit religiöse Begriffe von meta p h ysischem Gehalt. Auf die Schwierigkeit des neuplatonischen Schemas für die Vor- Stellung göttlichen Wirkens haben wir hingewiesen. Dieses macht sich auch in der Unbestimmtheit des Euckenschen Naturbegriffs geltend, der wie bei Fichte zugleich geisterzeugt und Schranke des Geistes ist. Die vom jüdisch-religiösen Bewußtsein geforderte Trennung von Gott und Wirklichkeit gibt auch dem Naturbegriff größere Klarheit. Die von Gott geschaffene Natur ist rationale Wirklichkeit, die in den Begriffen der Physik zur symbolischen Erkenntnis gelangt. 2*