Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1923)
- Article
- Zu Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
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17 zur Selbständigkeit und Selbstgesetzgebung sich erhebt. So ist der Mensch ein tief dualistisches Wesen; mit seiner Sinnlichkeit - der Natur angehörig, erhebt er sich in der Kraft des Geistes zu einem Reich jenseits der Natur, zu einem Reich der Kultur. Dieser Dualismus von Natur und Kultur aber belastet das Kulturschaffen mit einer grenzenlosen Ungewißheit. Getragen von. der Kraft des Menschengeistes, droht es in die Schwäch e des Menschengeistes verwickelt zu werden. Die immer neu sich, erhebende Macht der Natur außerhalb und innerhalb des Menschen bedroht den Bestand der Kultur, zum mindesten ihre'Reinheit und die Gewißheit ihrer Entfaltung. Was bewahrt das Reich des Geistes vor seinem Untergang? Nur die religiöse Metaphysik gewährt einen Ausweg: Wenn das Geistesleben nicht aus dem Nichts, sondern aus der Tiefe des letzten Lebensgrundes, der alte Wirklichkeit trägt, in den Seelen des Menschen hervorbricht, dann ist das Geistesleben nicht bloß der geistige Kern des Mens chen wesens, sondern* zugleich der Durchbruch göttlichen Wesens im Menschengei st. Dann ist die Tat geistiger Freiheit zugleich Offenbarung göttlicher Kraft, die Ueberwindung der Sinnennatur zugleich Freiheit und Gnade. Aus der Bewegtheit des g ö 111 i c h e n Willens brechen die Geisteskräfte in der Seele des Menschen hervor, Funk e ri der Gottheit, unableitbar aus der sinnlichen Umwelt, so sehrdas geistige Wirken auf diese aufbäut. Nicht ein berechenbarer Mechanismus ist das Leben des Menschen, das Leben der Völker, das Leben der Welt, denn unberechenbar sind die Erschließungen des göttlichen Willens in der Geschichte der Menschheit. Die Entwicklung der Geschichte ist kein langsames Herausbilden des höheren Geistesgehaltes aus dem niederen, sondern in schöpferischen Eruptionen treten in den Genien der Menschheit die Funken göttlichen Willens und göttlichen Geistes nach göttlichem Ratschluß hervor. Doch zeigen alle diese Offenbarungen die E i n h e i t des geistigen Lebensgrundes. In allem Vielerlei der Kulturen erhebt sich der Geist zu der gleichen Welt des Wahren, Guten, Schönen, wie mannigfach seine Form und seine Tiefe sich wandle. In immer wachsender Tiefe und Kraft tritt der Lebenswille Gottes in das Bewußtsein der Menschheit. Diese religiöse Metaphysik ist Ueberwindung der Lebensnot durch mutiges Ergreifen der religiösen Gewißheit. Nur aus ihr kann Monatsschrift, 67. Jahrgang.- 2