Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1923)
- Article
- Zu Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829915-2829917-2848422--45136-2848476- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
16 Glück aller das Ziel des Lebens gesehen. Was aber nötigt den triebhaften Lebenswillen, sich an einer solchen Arbeit zu beteiligen? Was geht das Individuum die Masse an? So muß die Folge eine rücksichtslose Bejahung des individuellen Lebens, eine Auflösung aller Mächte der Solidarität, der Objektivität überirdische Werte sein. Das Individuum kennt dann keine anderen Ziele als die Befriedigung seiner wechselnden Triebe. Der Realismus führt zum nihilistischen Subjektivismus. Doch behauptet der Realismus selbst, keine subjektive Lebensansicht.zu sein. Die naturwissenschaftliche Erkenntnis der Wirklichkeit sei sein Fundament, Was aber ist diese N aturwissenschaft? Ist sie nur ein subjektives Bild, Vom selbstsüchtigen Willen entworfen, oder eine objektive Erkenntnis von überindividueller Wahrheit? Wenn, wie der Realismus behauptet, das. Letztere, so hat der menschliche Geist also die Kraft, sich über die Macht bloßen Trieblebens zur Wahrheitserkenntnis' zu erheben. Und in Wirklichkeit zeigt eine Analyse der Naturwissenschaft, daß sie kein Naturprodukt, kein Reflex bloß sinnlichen Bewußtseins, sondern die Tat des erkennenden Geistes sei. In Zusammenfassüng bloß sinnlicher Empfindungen zur objektiven Einheit des Begriffs, in immer umfassenderen Synthesen des die Einheit der Erfahrung aufbauenden Geistes schafft die Wissenschaft das Bild der Wirklichkeit, das sie an Stelle der sinnlich erlebten Wirklichkeit als die wahre Wirklichkeit anspricht. So bricht im Menschen, in seinem wissenschaftlichen Denken eine Kraft der Selbständigkeit hervor, in der der Mensch nicht triebhaft genötigt, sondern handelnd frei ist. Im Mechanismus des Empfindens und Begehrens bricht die Kraft des schöpferischen Denkens hervor. Solche Selbsttätigkeit des Geistes aber offenbart sich ebenso sehr in dem Ernst des P f 1 i c h t b e w u ß t s e i n s, in der Energie der sittlichen Tat, die das als recht Erkannte zur Triebkraft des Willens werden läßt. In der freien Unterordnung unter Pflicht, Gewissen, Ehre bejahen wir uns als dem Zwange der Natur enthobene geistige Persönlichkeiten, die in Selbstgesetzgebung des Willens das Wesen und die Würde des Menschen erkennen. In der künstlerischen Gestaltung überwinden wir den sinnliehen Gegensatz von Subjekt und Objekt und erfüllen das Objekt mit der freien Bewegung der schaffenden Innerlichkeit zur Gestalt gewordenen Freiheit. " Diese im Menschen hervorbrechende Innerlichkeit entfaltet sich im Kulturschaffen der Menschheit: Wissenschaft, Sittlichkeit, Kunst sind das Reich des Geistes, in dem er aus der Triebnatur des Menschen