Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1923)
- Article
- Zu Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
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12 v ' ■ individualisierende Darstellung des einmaligen Entwicklungsganges ihres Objektes. So liebt die Historie aus der unendlichen, unüber- . sehbaren Fülle des Geschehens den Entwicklungsgang der Kultur in seiner Einmaligkeit und Individualität als ihren Gegen- ׳ stand heraus und ist die Geschichte nicht ein Abbild der Wirklichkeit, sondern Darstellung des aus der Wirklichkeit herausgehobenen Teils des Geschehens, der zu den Werten der Kultur in Beziehung steht und in seiner Entwicklung ,erkannt wird. Die Beziehung zur Idee der Kultur aber besagt nicht, daß nur diejenigen Ereignisse zur Darstellung kommen, die eine kulturfördernde Bedeutung haben, oder nur diejenigen Ereignisse, in• denen eine bestimmte Kulturgesinnung sich betätigt, sondern alle Ereignisse, in denen sich ein wie immer geartetes kulturelles Leben darstellt. Was immer als Staat, Sitte, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Religion gegolten hat und was für die Ver-; wirklichung dieser Kulturgüter von fördernder oder hemmender v Bedeutung gewesen ist, gehört in die Darstellung der Geschichte. Den Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen sucht das Eausaldenken zu erforschen. So setzt die Geschichtswissenschaft den Kausalbegriff voraus, nicht aber um die generellen kausalen Zusammenhänge der Wirklichkeit, d. i. die Naturgesetze zu erfassen, sondern um in der individuellen Kausalität den einmaligen Zusammenhang der geschichtlichen Ereignisse zu erkennen. Aber auch die individuelle Kausalität hat den nicht teleologischen Kausalbegriff zur Voraussetzung1. Mit der Voraussetzung des kausalen Zusammenhanges der Wirk- ■ lichkeit und der unter der Idee der Kultur stehenden Auslese der geschichtlichen Ereignisse geht die Historie an die wissenschaftliche Bearbeitung des kontinuierlichen Stromes der erlebten Wirklichkeit heran. So wie das naturwissenschaftliche Weltbild nicht ein Abbild dieses Erlebnisstromes, sondern die Umformung durch den Begriff der» Kausalität ist, so g es t a 11 e t die Historie den Strom der Ereignisse zum Kausalzusammenhang kultureller, individueller ׳ Tatsachen. Sowohl der Kausalzusammenhang wie die Kultur- ’ beziehung ist von einem logischen System der Werte getragen. Aus diesem Charakter der Geschichtswissenschaft geht hervor, daß für Rick er t die Geschichtswissenschaft ihren Gegenstand ebenso b e g r i f f 1 i c h e r s c h a.f f t, wie für C o h e n die Natur- A S. H e s s e n:, Individuelle Kausalität; A. L e \v k 0 w i t z: Krisis der modernen "Erkenntnistheorie, Arch. f. System, Phil. Bd. 21.